Saxophonist André Schnura wird von den Fans gefeiert - Fotos: Hans-Hubertus Braune

STUTTGART Fünf Osthessen mit über 100 Länderspielen

Ein Fußball-Märchen als Mutmacher: Fans lassen Emotionen freien Lauf

21.06.24 - Verliebt sitzt ein Pärchen auf einer Bank in der Birkenwaldstraße am Killesberg, sie genießen ihren mitgebrachten Wein und schauen hinab in den Kessel. Es ist kurz nach halb acht am Abend. Ruhig ist es hier oben, unten in der Stadt ist das was ganz anderes. Hier tobt der Fußball. Am Horizont in der Arena spielt gerade Deutschland und gewinnt das Ungarn-Spiel mit 2:0 (1:0).

Blick in die Arena in Stuttgart Foto: privat

Insgesamt 58.000 Menschen waren am Schlossplatz in Stuttgart dabei

Die Fans stimmen sich ein

Emotionen im freien Lauf

Sicherheit muss sein

Stuttgart ist an diesem Mittwoch im völligen Ausnahmezustand. Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft ist in der Stadt, bereitet sich im Steigenberger-Hotel Graf Zeppelin auf ihr zweites Vorrundenspiel bei der Europameisterschaft vor. Bundestrainer Julian Nagelsmann spricht später auf der Pressekonferenz über den Tag in der Landeshauptstadt von Baden-Württemberg: "Es war eine geniale Stimmung, schon vor dem Spiel, mit dem Fanmarsch am Hotel vorbei und sehr vielen Menschen. Das gibt einem ein sehr gutes Gefühl."

Viel Polizei in der Stadt

Stuttgart ist einer von zehn Spielorten während der Fußball-Europameisterschaft. Nach zwei starken Auftritten ist es wieder da, dieses wunderbare Gefühl aus dem Jahr 2006. Deutschland hatte sich damals als unglaublich freundlich und fröhlich der Welt präsentiert. In der Zwischenzeit ist viel passiert, die Lage wirtschaftlich zumindest angespannt, es herrschen einige Kriege auf der Erde. Hat der Fußball die Kraft, zumindest ein Stück weit die Fröhlichkeit zurückzuholen?

Der Blick auf den Spielort

Sie genießen den Blick über Stuttgart

Die Arena Stuttgart im Kessel der Stadt

Gar nicht fein sind die Preise in den Fanzonen

Klaus Lembach und seine Freunde aus Haimbach und Stockhausen gehören zum Fan-Club ...Foto: privat

Wir schauen in diesem Artikel exemplarisch auf Stuttgart. Wie war es in der Stadt? Wie präsentiert sich die UEFA als Veranstalter? Können Menschen aus verschiedenen Nationen denn überhaupt noch zusammen feiern?

OSTHESSEN|NEWS-Reporter Hans-Hubertus Braune war live vor Ort. Ebenso fünf Fanclub-Mitglieder der Nationalmannschaft aus Osthessen. Klaus Lembach aus Blankenau (Hosenfeld, Landkreis Fulda) hat schon rund 100 Länderspiele auf dem Buckel. Zusammen mit den Kumpels Ansgar Marx aus Haimbach (Fulda) sowie Heike und Gerhard Wahl und Hartmut Wahl aus Stockhausen (Herbstein, Vogelsbergkreis) war er natürlich auch in Stuttgart dabei. "Die Stimmung in der Arena war sehr, sehr gut. 99 Prozent hatten Trikots an, es wurde durchweg gesungen", sagt Lembach im O|N-Gespräch. Die Gruppe ist vollends im EM-Fieber. "Die Atmosphäre ist unheimlich angenehm. Wir waren nach dem Spiel auf ein Bier auf dem Campingplatz neben P10 am Neckar. Alle haben zusammen gefeiert. Am geilsten sind aber die Schotten", sagt er.

Lembach ist seit dem Jahr 1988 mit der deutschen Nationalmannschaft unterwegs. Die anderen kamen dann dazu. Als Fanclub-Mitglieder bekommen sie für jedes Live-Spiel vor Ort - ausgenommen die EM- und WM-Turniere - zwei Punkte. "Wir sind unter den ersten 1.000 Fans in dieser Wertung und bekommen deshalb auch Tickets für die EM-Spiele", sagt er. Ob Island, Weißrussland, Heim-WM 2006, Wembley, Ukraine, Polen - sie haben schon viel erlebt mit der Nationalmannschaft.

Fünf Osthessen reisen mit der Nationalmannschaft

In Stuttgart sind sie dieses Mal etwas spät dran, können deshalb leider nicht zum Fan-Treffpunkt am Stadtgarten. Dort ist O|N-Reporter Hans-Hubertus Braune völlig geflasht. Ganz ehrlich, diese unglaubliche Begeisterung habe ich nicht erwartet. Rund 5.000 Fans stimmen sich schon am Mittag bestens ein. Vor dem Fan-Bus haben sie sich versammelt, um gemeinsam zum Stadion zu laufen. Und plötzlich steht ein gewisser André Schnura neben mir. Am Abend vorher habe ich den Saxophonspieler auf Instagram entdeckt. Der Hochzeitsmusiker geht gerade in den sozialen Medien derart ab. "Ok Stuttgart. Das war grad das krasseste, was ich in meine Leben erlebt hab", postet er in der Nacht. Die Stimmung ist einfach beeindruckend schön. Auch die Ungarn sind gut drauf, genießen die Atmosphäre in der Stadt.

Vor den Kneipen sitzen sie, trinken gemeinsam mit den Gastgebern ein paar Bierchen. Die Albaner und Kroaten schauen gemeinsam ihr Spiel - was für Emotionen beim 2:2. Alles ist friedlich. Dafür sorgen rund 2.500 Beamte von Polizei und Bundespolizei. Das Spiel wird wegen einiger Hooligans aus Deutschland und Ungarn und wahrscheinlich auch wegen der Anwesenheit von Ungarns Staatspräsident Viktor Orbán und Bundeskanzler Olaf Scholz als Risikospiel eingestuft.

2.500 Beamte sorgen für das Gefühl von Sicherheit

Die Hauptstraßen sind in der Innenstadt wie leergefegt. Auf den Zufahrtsstraßen etwa zum Schlossplatz sind die Sperrgitter ausgefahren, gefühlt in jeder Seitenstraße stehen Polizeiautos und Beamte. Während des Spiels kreisen zumindest zwei Hubschrauber und Drohnen über der Stadt. Das gibt mir schon das Gefühl von Sicherheit. Und: Bei Schiedsrichtern sagt man ja, dass sie besonders gut sind, wenn man nicht über sie sprechen muss. Genauso ist das mit der Polizei an diesem Tag in Stuttgart. Sie sind überall präsent, aber sie sind dezent im Hintergrund. Vielmehr treten sich als Kommunikator auf, geben freundliche Hinweise an fragende Besucher. Wer scheiße baut, wird allerdings unsanfter angepackt. Da hört der Spaß auf - aber das ist heute die Ausnahme.

Am nächsten Tag spricht die Polizei Stuttgart von rund 30 Einsätzen. "Unsere Strategie aus offensiver Gefahrenvorsorge und fokussierter Präsenz ging auf. Wir konnten deutsche Hooligans vor der Begehung von Gewaltdelikten aus dem Spiel nehmen. Auch die ungarische Hooliganszene stand heute im Abseits, sodass alle deutschen und ungarischen Fans ein friedliches und faires Länderspiel feierten", wird der Einsatzleiter Carsten Höfler in der Stuttgarter Zeitung zitiert.

Das Eventprogramm begeistert - bis auf die Preise

Rund um den Schlossplatz hatte die UEFA gemeinsam mit den Sponsoren ein imposantes Rahmenprogramm aufgebaut. "Die ganze Stadt ein Stadion" lautet die Stuttgarter Devise während der EM. Ob Tischkicker, Soccerfelder, Beachsoccer, chillige Areas mit Sitzgelegenheit mit Grünpflanzen im Rücken, Liegestühle, die beliebten Fußball-Tischtennisplatten - das Angebot ist gerade auch für das Familienerlebnis ausgelegt. Dafür eine fette 1+ plus für die Eventplaner von UEFA und der Stadt Stuttgart. Was so gar nicht passt, sind die absurden Preise für Getränke und Schwenkgrill-Gaumenfreuden. Acht Euro für ein Schweinesteak, 6,50 Euro für Getränke - nein, das ist zu viel des Guten von der UEFA. Also, geht ehrlich gesagt lieber zur örtlichen Gastronomie.

Ich habe mir ein paar Maultaschen in der Markthalle gegönnt. Zwei Minuten vom Schlossplatz. Das schwäbische Leibgericht ist das Stichwort. Jamal Musiala liebt sie auch. Der 21-jährige Offensivspieler vom FC Bayern München begeistert uns alle mit seiner genialen Spielweise. Wir in Osthessen sind ja stolz darauf, dass er einer von uns ist. Schließlich hat Jamal beim TSV Lehnerz mit dem Kicken angefangen. Geboren ist er aber in Stuttgart, deshalb feiern ihn die Schwaben natürlich auch als einen von ihnen. Und genau dieser Junge macht das wichtige 1:0. Ekstase in Deutschland.

Es tut so gut

Da ist es wieder, dieses Fußball-Märchen. Und ganz ehrlich: Es tut so gut, diese wunderbare Stimmung zu erleben. Es sind viele junge Menschen, die gemeinsam feiern. Diese Unbeschwertheit, dieses Miteinander, dieses Gefühl von Stolz für das Land und dabei mit den Menschen aus den anderen Nationen zu feiern. Das ist es, was wichtig ist und ein Signal sein muss. Es geht nur Miteinander. Das Herz für die eigene Nation, das Gefühl für die Gemeinschaft.

"Und lassen Emotionen freien Lauf" heißt es in einem Lied, welches gerade von den Fans abgefeiert wird. Offiziell wird der Pyrotechnik-Song natürlich nicht gespielt. Dass die UEFA bei ihrer mäßigen Eröffnungszeremonie auch ein wenig Feuerwerk auf dem Rasen entzündete, macht die Diskussion sicher nicht einfacher.

Alles gut - bis auf den Boulevard von der Insel

Unterm Strich zählt: Die allermeisten Fans feiern friedlich ein buntes Fest. Die Schotten, die Niederländer, die Schweizer - um ein paar Bespiele zu nennen, erfreuen uns. Nur die Engländer sind wohl ein wenig neidisch. Die dortige Boulevardpresse regt sich über Gelsenkirchen und Frankfurt am Main auf. Sie reduziert die Mainmetropole auf das Bahnhofsviertel. Schade und komplett daneben.

Stuttgart hat mir gezeigt, wie wunderbar der Fußball und seine Begeisterungsfähigkeit sind. Danke Stuttgart, für einen wundervollen Tag. Einfach zum Verlieben. (Hans-Hubertus Braune) +++

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