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Juniorchef Sven Stumpf mit Vater und Seniorchef Dr. Bernd Stumpf - Fotos: goa

KIRTORF "Berufe. Berufungen. Menschen!" (28)

Dr. Bernd Stumpf: Landwirt und Energieversorger

04.09.23 - Energie, Klima, CO2. Begriffe, die fast die ganze Welt beschäftigen. Themen für die große Politik. Nach unten heruntergebrochen entscheidet jeder Mensch für sich selbst, ob und wie verantwortungsvoll man mit Ressourcen umgehen will. Landwirt Dr. Bernd Stumpf aus Kirtorf-Wahlen hatte vor einigen Jahren, lange vor der Energiekrise der jüngsten Zeit, eine Idee, die man damals auch als aberwitzig hätte beschreiben können. Er wollte mit seinem Betrieb nicht mehr nur landwirtschaftliche Produkte und Milch produzieren, sondern auch Energie: Strom und Wärme für viele Menschen.

Dr. Bernd Stumpf

Die Getreidetrocknungsanlage

2010. Nordstream und Gasknappheit sind Vokabeln, die man nicht kennt. Im Vogelsbergörtchen Wahlen, einem Ortsteil von Kirtorf mit etwa 350 Einwohnern, stehen Dr. Bernd Stumpf und sein Sohn Sven vor einer richtungsweisenden Frage: einen weiteren Kuhstall bauen, denn zur wirtschaftlichen Tauglichkeit braucht es mehr und mehr Größe, oder eine Biogasanlage errichten? Gemeinsam entwickeln sie die Idee einer Biogasanlage mit einem Blockheizkraftwerk. Das Prinzip: bei einem Michviehbetrieb fallen Gülle und Mist an, Abfallstoffe, die dann als Energieträger in der vor Ort befindlichen Biogasanlage für die Stromerzeugung eingesetzt werden könnten. Mit der nebenbei entstehenden Abwärme würden über ein eigenes Netz die Haushalte des Dorfes mit kostengünstiger Heizwärme versorgt und im Sommer das Getreide getrocknet. Und selbst das Gärsubstrat wäre ertragssteigernd auf die Felder auszubringen.

Klinkenputzen für das "Perpetuum Mobile"

Ein Teil der PV-Anlage

Das Blockheizkraftwerk

Insgesamt eine kühne Idee, die an ein Perpetuum Mobile erinnert. Kühn deshalb, weil für die Wärmeversorgung der Dorfhaushalte ein neues Rohrnetz in die Straßen verlegt werden muss und das Prinzip noch recht jung war – das ähnliche, regional bekannte genossenschaftliche Nahwärmenetz in Alsfeld-Lingelbach ging erst im Herbst 2013 in Betrieb. Dr. Stumpf blickt zurück: "Ich bin mit unseren Plänen in Wahlen Klinkenputzen gegangen und habe Haus für Haus die Idee erklärt. Hier in Wahlen ist man nicht allzu innovativ eingestellt, etliche haben gesagt, sie hätten angesichts Öl- und Holzfeuerung keinen Bedarf, aber immerhin etwa die Hälfte der Grundstücksbesitzer hat in zwei Ausbaustufen mitgemacht." Die gesamten Kosten der Infrastruktur von der Biogasanlage bis zu den Hausanschlüssen wurden von den Betreibern, also dem Betrieb Stumpf, sowie einem Investor getragen. "Es war in vielerlei Hinsicht gerade am Anfang ein langwieriger, sehr fordernder Prozess mit immer wieder neuen Entwicklungen, sich ändernden rechtlichen Rahmenbedingungen und bürokratischen Überraschungen", kann sich Dr. Stumpf allzu gut erinnern. Dies forderte viel Langmut und finanzielle Reserven. Stumpf beschreibt ein krasses Beispiel: "Auf einmal tauchte die Verpflichtung auf, wir müssten eine mehrere Meter hohe, langgezogene Explosionsschutz-Betonwand errichten, weil im Fall einer theoretisch möglichen Methangasexplosion Betonbrocken in Richtung Dorfgemeinschaftshaus fliegen könnten. Das allein bedeutete "mittendrin" einen zusätzlichen Aufwand von deutlich über 100.000 € und hätte auch zum Scheitern des Projektes führen können". Doch auch die Technik war anfangs alles andere als zuverlässig: "Es gab nach der Inbetriebnahme ständig Störungen im Betrieb, weil auch die ursprüngliche Errichterfirma elementare Fehler machte, wie wir heute wissen." Die Firma wurde gewechselt, die Fehler erkannt und behoben, heute läuft die Anlage verlässlich und weitestgehend störungsfrei.

Zufriedene Wärmekunden, hoher Ertrag

Die angeschlossenen Haushalte sind laut Dr. Bernd Stumpf zufrieden: sie haben eine kostengünstige Energieversorgung, die von den globalen kritischen Entwicklungen der jüngsten Zeit weitestgehend unberührt blieb. "Unsere Nahwärmekunden konnten sich im letzten Jahr zurücklehnen und entspannen, sowohl bei der Versorgungssicherheit als auch bei den Preisen. Bis letztes Jahr kostete die Kilowattstunde 4 Cent, jetzt haben wir etwas angehoben, es ist aber immer noch sehr erträglich. In der Folge hat sich die Nachfragesituation verstärkt und es möchten noch nachträglich Haushalte angeschlossen werden. In einem Fall haben wir das realisiert, aber angesichts der hohen Baukosten ist ein weiterer Ausbau derzeit kein Thema."

Ertrag und Energieträger

Die Jahresproduktion der Biogasanlage beziffert Stumpf auf über 5 Millionen Kilowattstunden (kwH), hinzu kommen etwa 700.000 kwH aus der Photovoltaik, sodass bei einem durchschnittlichen Verbrauch von 3.000 kwH insgesamt 1.900 Haushalte mit Elektrizität versorgt werden. Die zusätzliche Wärmeabgabe an das Dorf sowie die Trocknungsanlage für das Getreide und Brennholz stellen einen weiteren erheblichen gesellschaftlichen Nutzen durch die CO2- und Energieeinsparung dar. Als Energiestoff wird bei Stumpfs Anlage zu über 50 Prozent Mist und Gülle des eigenen Bestandes von etwa 90 Kühen und der Zulieferung von etwa zehn Lieferanten eingesetzt; den Rest bilden Mais und die Ganzpflanzensilage, wovon über 90 Prozent aus einem Umkreis bis zu 10 km kommt. Die Hälfte stammt aus eigenem Anbau, die andere Hälfte wird zugekauft. Zunehmend werde Gras ein Thema, weil regional die Rinderhaltung rückläufig sei und die Milchviehbetriebe den zweiten bis vierten Schnitt nicht mehr für die Milchkühe benötigen – als Rohstoff für die BGA sei dies aber nutzbar.

Bei aller Innovationskraft ist für den Landwirt und Energielieferanten Stumpf klar: "Unsere Intention ist und bleibt die Landwirtschaft. Aber gerade Milchviehwirtschaft und eine Biogasanlage ergänzen sich, weil so Abfallprodukte verwertet werden." Und auch die Landwirtschaft bietet weiteren Raum für Innovation. Ein Beispiel vom Gang über das Betriebsgelände: "Es wird künftig angestrebt, ein Herauslösen der Schwebstoffe aus der Gülle zu optimieren, denn sie sollen möglichst nicht mit der Gülle zusammen auf die Felder ausgebracht werden". Man hört heraus und merkt es ihm auch an: da hat einer nach wie vor Ideen, wenngleich er einen vorgeschlagenen Begriff nicht gelten lassen will: "Ach was, ich bin doch kein ‚Visionär‘. Aber ich probiere gerne Dinge aus und habe vielleicht auch ein wenig Mut dafür, mehr aber nicht!"

Abschließend eine Besonderheit, die nichts mit Landwirtschaft und Energiegewinnung zu tun hat, aber etwas über den im 70. Lebensjahr befindlichen Menschen Dr. Bernd Stumpf aussagt: "Wir sind ein echtes Mehrgenerationenhaus: bei uns leben vier Generationen unter einem Dach, angefangen von meiner Mutter Emmi mit ihren 90 Jahren bis zu den drei Enkelkindern Sayuri, Kira und dem erst vierjährigen Tristan. Und alle essen gemeinsam an einer langen Tafel zu Mittag. Wir streiten auch mal, aber im Grunde ziehen wir alle an einem Strang!" (goa) +++

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