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Die Pandemie-Welle baut sich auf - und doch herrscht unerwartete Ruhe. - Foto: picture alliance/Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/ZB

REGION Gastkommentar von Dr. med. Thomas Menzel

Wir haben schon viel geleistet, doch die Ungewissheit bleibt!

Zur Person Dr. Thomas MenzelPriv.-Doz. Dr. med. Thomas P. Menzel (56) ist Facharzt für Innere Medizin mit den Schwerpunkten Gastroenterologie und Hämatologie/ internistische Onkologie sowie Zusatzqualifikationen als ärztlicher Qualitätsmanager und Diplom-Gesundheitsökonom. 2004 hat er sich für das Fach Innere Medizin habilitiert. Seit Mai 2011 ist Dr. Menzel hauptamtlicher Vorstand der Klinikum Fulda gAG und trägt dort die Verantwortung für die Krankenversorgung.

30.03.20 - Deutschland, scheint es, hält inne. Die Pandemie-Welle baut sich auf - und doch herrscht unerwartete Ruhe. Für viele ist das Leben langsamer geworden, die Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Auch in den meisten Krankenhäusern in Deutschland ist es – abgesehen von den Vorbereitungen, die allenthalben konzentriert und druckvoll ablaufen – ruhiger als sonst.

Ist es die sprichwörtliche "Ruhe vor dem Sturm", die jetzt sooft bemüht wird, auch von Bundesgesundheitsminister Spahn? Vermutlich ja.

Und was ist die Ursachen dafür? Vermutlich ist die Antwort darauf vielschichtig.

Wir alle haben eine Weile benötigt, um nach und nach zu begreifen, was hier vor sich geht. Erst die Berichte aus China im Januar und Februar, die Wirkung auf uns blieb überschaubar. Mit den Bildern aus Italien, Spanien und Frankreich begannen wir zu fühlen, was da auf uns zukommen könnte – immer noch den Gedanken im Hinterkopf, dass es bei uns doch soweit nicht kommen wird.

Die Geschichte der Menschheit zeigt, dass Infektionskrankheiten weite Teile der Bevölkerung wie aus heiterem Himmel treffen und ohne Ansehen der Person tödlich sein können. Diese Grundbedingung menschlicher Existenz war über die Jahrtausende im Bewusstsein der Kulturen verankert. Mit dem Aufbruch in die Moderne nahmen wir der Natur so manchen Schrecken und hielten uns darum mehr und mehr für unangreifbar, unsere Art uns zu verhalten und zu leben für gesichert. Das war womöglich eine Selbsttäuschung.

Aber deshalb brauchten wir eine Weile, bis wir unser Verhalten im Angesicht der Pandemie zu ändern begannen.

Doch wir haben es geändert!

Unser Gastkommentator Priv.-Doz. Dr. med. Thomas ...Foto: Hendrik Urbin

Der Physiker Prof. Dr. Dirk Brockmann erstellt für das Robert-Koch-Institut Modelle, mit deren Hilfe sich der Zusammenhang zwischen unserer Mobilität und der Zahl der entstehenden Neuinfektionen erkennen, analysieren und prognostizieren lässt. Die Daten zeigen, dass vom 12. März an die Mobilität der Deutschen stetig abgenommen hat. Die Rede der Bundeskanzlerin vom 18. März zeitigte stufenweise Wirkung, und in Bayern ging die Mobilität unter der Ankündigung weitreichender Restriktionen abermals stärker zurück. Die Deutschen unternehmen fast keine Flug- (minus 96 Prozent) und Zugreisen (minus 82 Prozent) mehr. Der Straßenverkehr ging um 40 Prozent zurück.

Und überall dort, wo wir unterwegs sind, halten die meisten von uns die Abstandsregeln ein. Auch die Besuchseinschränkungen im Klinikum und anderen Einrichtungen werden weithin ohne größeren Widerstand akzeptiert.

Deutschlands Wirtschaft ist binnen kurzer Zeit nahezu komplett runtergefahren. Gemessen an der Zahl heute schon zerstörter Existenzen nehmen wir auch das mit bemerkenswerter Ruhe hin. Andere haben in dieser Zeit um- und aufgerüstet: Die deutschen Krankenhäuser haben die Zahl der – mehr oder minder – verschiebbaren Fälle drastisch reduziert, um Platz zu schaffen für die schweren und schwersten Opfer der Corona-Pandemie. Etwa die Hälfte der Betten wurde freigeräumt und die Zahl der Plätze in der Intensivmedizin wurde und wird in kürzester Zeit auf erheblich aufgestockt. In Messehallen entstehen neue Krankenhäuser.

Uns gelingt damit ein unglaublicher Kraftakt, den wir uns selbst wohl nicht zugetraut hätten.

Viele von denen, die in den Behörden, den Unternehmen, den Krankenhäuser und anderen Einrichtungen in den letzten gut zwei Wochen sehr hart gearbeitet haben, wollen jetzt nicht müde werden. Die Anstrengung, die uns die tatsächliche und die mentale Auseinandersetzung mit Krise abgenötigt hat, ist spürbar. Und auch alle anderen verlangen nun nach etwas Ruhe. Nach zwei Wochen, das zeigt auch der Blick auf die Zyklen anderer aufwühlender Nachrichten, flacht das Interesse ab.

Ist es nun die Ruhe vor dem Sturm?

In Deutschland steigt die Zahl der Neuinfektionen weiterhin steil an, und es kommen immer mehr Patienten mit Symptomen ins Krankenhaus. Wir können für die Zukunft nichts ausschließen. Auch unsere Betten werden sich füllen, und die Belastung in den Krankenhäusern, die im Warten auf die Welle derzeit geringer ist als an normalen Tagen, wird noch dramatisch steigen. 

Doch wir stellen fest: Die Welle rollt bisher langsamer auf die Krankenhäuser der Maximalversorgung zu, als es noch vor kurzem erwartet wurde. Wir entwickeln unsere Vorhersage-Werkzeuge täglich weiter – auch im Klinikum Fulda, wo wir mit Unterstützung der drei Gesundheitsämter die Prognosen für unsere Region Osthessen ermitteln. Die erste große Belastungsspitze bei uns erwarten wir derzeit im Mai.

Die Zahl der Todesfälle steigt auch in Deutschland zwar deutlich an, ist aber im Vergleich zu Ländern mit einer ähnlichen Zahl an bestätigten Infektionen weiterhin auffallend gering. Auch dafür gibt es wohl mehrere Gründe: bisher sind in Deutschland wohl relativ weniger alte Menschen infiziert als anderswo und durch die vielen Tests haben wir einen ziemlich guten Überblick über das Geschehen bei uns.

Die Einschränkung der Mobilität, die zu einer sinkenden Zahl von Kontakten führt, bei denen Keime übertragen werden könnten, wird erst mit einem Verzug von etwa zwei Wochen ihre erhoffte Wirkung zeigen. Die Statistiken der nächsten Tage werden spannend.

Und ja, die Infektion mit COVID-19 kann tödlich verlaufen – auch für junge Menschen.

Aber in den allermeisten Fällen ist der Verlauf milde. Wahrscheinlich wird nur 1-2 % der Infizierten eine Intensivbehandlung brauchen. Geht man davon aus, dass sich von 82 Millionen Menschen in Deutschland 60 % ohne weitere Maßnahmen rasch infizieren, kommen wir auf 500.000 bis 1.000.000 Patienten für unsere Intensivstationen, mehr als wir in kurzer Zeit versorgen können.

Deshalb werden wir den Shutdown noch eine Weile durchhalten müssen. In etwa einem Monat werden wir bessere Daten haben, die es uns erlauben werden, die Lage besser einzuschätzen.

Wir werden alles daran setzen, bis dahin die Datenbasis zu verbreitern. Wie viele Menschen sind wirklich infiziert, wir hoch ist die Dunkelziffer? Wie kommt die Immunisierung in der Bevölkerung voran? Wer hat die Infektion und die anschließende Erkrankung schon hinter sich ist geschützt und schützt auch andere, indem er die Infektion nicht weiter trägt?

Die (Antikörper-) Tests dafür werden in den nächsten Wochen deutschlandweit zur Verfügung stehen. Bei uns im Klinikum sammeln wir gerade erste Erfahrungen. Wenn wir diese Informationen ermittelt und besser abgesichert haben, dann wird auch die Politik besser über eine gestufte Rückkehr zur Normalität entscheiden können.

Auf der einen Seite kann und soll, wer immunisiert ist, wieder arbeiten, denn dauernden Stillstand können wir uns nicht leisten. Bei denen, die noch nicht immun sind, möchten wir möglichst schnell und präzise wissen, wie hoch ihr Risiko für einen schweren Verlauf der COVID-Erkrankung ist. Diese Risiko- und Hochrisikogruppen besser zu identifizieren wird weiter an Bedeutung gewinnen, damit diese sich erstens noch besser selbst schützen und zweitens besser geschützt werden können.

Die Frage, ob wir alle noch in diesem Jahr zur Normalität werden zurückkehren können, ist derzeit nicht mit Gewissheit zu beantworten.

Und was ist mit und wird nach COVID-19 überhaupt normal sein?

Viele Fragen bleiben offen: Wird die Pandemie in mehreren Wellen verlaufen, wird das Virus sich verändern? Und vor allem: Wann wird es Medikamente gegen SARS-CoV-2-Virus geben und wann einen Impfstoff? Ein Impfstoff wäre wohl das beste Werkzeug, um die Pandemie zu stoppen, die weltweite Nachfrage wird gewaltig sein.

Stand heute: Wir haben schon viel geleistet, doch die Ungewissheit bleibt. Das ist in jedem Fall gewiss. (Thomas P. Menzel) +++


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