- Symbolbilder(3): pixabay

FULDA Gastkommentar von Dr. med. Thomas Menzel

Eine realistische Perspektive für den Herbst: "Mehr Optimismus wagen!"

ZUR PERSON DR. THOMAS MENZELPriv.-Doz. Dr. med. Thomas P. Menzel (56) ist Facharzt für Innere Medizin mit den Schwerpunkten Gastroenterologie und Hämatologie/ internistische Onkologie sowie Zusatzqualifikationen als ärztlicher Qualitätsmanager und Diplom-Gesundheitsökonom. 2004 hat er sich für das Fach Innere Medizin habilitiert. Seit Mai 2011 ist Dr. Menzel hauptamtlicher Vorstand der Klinikum Fulda gAG und trägt dort die Verantwortung für die Krankenversorgung.

07.09.20 - War das nicht eigentlich ein schöner Sommer? Überwiegend angenehme Temperaturen, Sonne, Sommerferien und Erholung. Erholung auch von einem Frühjahr, das so gar nicht war, wie wir es uns gewünscht hatten. Statt Ausflug, Café und Biergarten gab es Lockdown und Restriktionen. Zurückgezogenheit und Unsicherheit. Einsamkeit und Existenzangst. Home Office und Kindererziehung 24/7.

Alle Erfahrungen mit Pandemien aus der Geschichte lehren uns, dass wir uns nach dem ersten Schrecken schnell den normalen Alltag zurückwünschen - ohne Wenn und Aber. Denn der Stress eines permanenten Ausnahmezustands ist auf Dauer schwer zu ertragen. Nur, eine Normalität wie "vor Corona" wird es nicht geben. Das ist so, ob wir es wollen oder nicht.

Unser Gastkommentator Priv.-Doz. Dr. med. Thomas ...Foto: Hendrik Urbin

Und diese Wahrheit holt uns nun ein. Im Mai und Juni hatten wir die Seuche schon ziemlich gut ausgebremst. Der Raum, den wir ihr dann wieder gegeben haben, hat dazu geführt, dass die Anzahl der Neuinfektionen in Deutschland von täglich weniger als 300 wieder auf bis zu 1.500 angestiegen ist. Und das liegt nicht nur an einer Ausweitung der Testkapazität, sondern auch an unserem Verhalten. Das Virus kommt zu uns mit Reiserückkehrern aus Risikogebieten, mit Party-Gängern, die ohne Maske und Abstand feiern oder auch - gänzlich unspektakulär- durch zufällige Alltagskontakte. Wir wissen mittlerweile, dass wir uns besser nicht länger in - schlecht gelüfteten - geschlossenen Räumen aufhalten sollten, da sich das das Virus über kleinste Tröpfchen – so genannte Aerosole – verbreiten kann, die sich lange in der Luft halten. Wir wissen auch, dass wir außerhalb des engsten Familienkreises niemanden in den Arm nehmen sollten. Normal ist das nicht, jedoch in Abwägung der Risiken für die meisten Menschen akzeptabel.

Trotz der gestiegen Infektionszahlen müssen derzeit erfreulicherweise nur wenige COVID-Patienten in den Krankenhäusern behandelt werden. Das Durchschnittsalter der Neu-Infizierten ist deutlich niedriger als im Frühjahr und damit auch der Anteil der COVID-Patienten mit Risikofaktoren für einen schweren Verlauf der Erkrankung. Aber: Mit den Neu-Infizierten diffundiert das Virus weiter, breiter und tiefer in die Bevölkerung. Deshalb gibt es auch keinen Grund für Entwarnung, zumal im Herbst die Zeit der Infektionskrankheiten beginnt, und es schwieriger werden wird, zwischen den "normalen" Erkältungen, der "echten" Grippe und der neuen COVID-Erkrankung zu unterscheiden. Da kann dann so mancher COVID-Fall "durchrutschen" und zu weiteren Infektionen führen.

Doch es gilt, was schon im Frühjahr galt: Für Panik gibt es keinen Grund. Anstatt den Kopf zu verlieren, sollten wir ihn nutzen, um unsere Gedanken zu klären und zu ordnen und um den ständig wachsenden Fundus an Fakten zu bewerten.

Der wirtschaftliche Schaden, den der Lockdown international in einer global vernetzten Wirtschaft angerichtet hat, ist groß. Überall in der Welt, auch in Deutschland. In vielen Bereichen herrscht seit Monaten Kurzarbeit, ein anderes Wort für Beschäftigungslosigkeit, die Kultur- und Veranstaltungsszene, die Gastronomie und die Tourismusbranche und viele andere kämpfen ums wirtschaftliche Überleben. Nach Monaten im Home-Schooling, startet das neue Schuljahr aus dem Bildungsnotstand: mit Masken, festen Gruppen und Abstand.

Dennoch: Die Akzeptanz für die Maßnahmen gegen die Verbreitung des Virus ist nach wie vor vorhanden. Die große Mehrheit der Deutschen spricht sich eindeutig dafür aus.

Dafür gibt es gute Gründe: Deutschland ist bisher gut durch die Pandemie gekommen, obwohl oder weil von den 250.000 Infizierten lediglich 35.000 in den Krankenhäusern behandelt werden mussten, davon 7.000 mit künstlicher Beatmung. Bis heute sind 9.322 Menschen an oder mit COVID-19 verstorben: Söhne und Töchter, Mütter und Väter, Omas und Opas, Junge und Alte. Jeder Verlust schmerzt.

Doch eine Übersterblichkeit, also eine im Vergleich zum Durchschnitt der Vorjahre erhöhte Anzahl an Todesfällen, war bei uns in den ersten Monaten des Jahres - im Gegensatz zu vielen anderen Ländern - nicht zu verzeichnen. Als die Ausbreitung von COVID-19 auf dem Höhepunkt war, starben zwar zahlreiche Menschen an oder mit dem SARS-CoV-2-Virus; in Summe aber nicht mehr Menschen als in jedem Jahr zu dieser Jahreszeit.

Eine jüngst veröffentliche Studie aus Großbritannien legt nahe, dass in den USA 70 Prozent der 180.000 Menschen, die an COVID-19 starben, hätten gerettet werden können, wenn die Verantwortlichen in den USA sich entschieden hätten, dem deutschen Weg zur Eindämmung der Seuche zu folgen. 180.000 Menschen, von denen übrigens ein Viertel zum Zeitpunkt ihres Todes jünger als 64 Jahre war.

Für Menschen, die in Deutschland eine Behandlung im Krankenhaus benötigten, gab es zu jedem Zeitpunkt ausreichend Behandlungsplätze und Intensivbetten. Kein Patient musste bei uns vom Beatmungsgerät genommen werden, weil für einen anderen - mit besseren Überlebenschancen – sonst kein Gerät mehr zur Verfügung gestanden hätte.

Und obwohl auch deutlich weniger Patienten mit Herzinfarkten oder Schlaganfällen in die Kliniken kamen, wurde bisher keine Übersterblichkeit bei diesen oder anderen Erkrankungen festgestellt. Was der Grund dafür sein könnte, ist (noch) nicht klar.

Vor diesem Hintergrund sind die Proteste gegen die Coronapolitik zu bewerten, übrigens bisher auch ein deutsches "Alleinstellungsmerkmal", das von außen mit großer Verwunderung beobachtet wird. In keinem anderen Land würden die meisten Menschen weltweit in den Zeiten dieser Pandemie lieber leben als bei uns. Wir hatten – im Vergleich zu anderen Ländern – nicht nur die erfolgreichsten, sondern tatsächlich auch vergleichsweise milde Restriktionen kombiniert mit einem überdurchschnittlich umfassenden materiellen Ausgleich der wirtschaftlichen Folgen für Betriebe und Individuen.

Die Meinungsfreiheit war und ist tatsächlich zu keinem Zeitpunkt eingeschränkt. Der Mund-Nasen-Schutz ist kein Maulkorb, sondern schützt vor Infektionen, übrigens nicht nur vor COVID-19: In ganz Deutschland ist die Zahl aller Infektionserkrankungen deutlich zurückgegangen. Wer die Maske nicht trägt, gefährdet mit Vorsatz und wider besseres Wissen andere. Er ist ein Egoist, der sein vermeintliches Wohlbefinden über das Lebensrecht auf körperliche Unversehrtheit der anderen stellt.

Gleichwohl protestieren einige Wenige lautstark und - wie zuletzt wieder in Berlin - gemeinsam mit der extremen Rechten gegen die Maßnahmen. Dabei reichen die Motive des Widerspruchs von hanebüchenen Verschwörungstheorien über die Ablehnung des Staates und seiner Institutionen insgesamt bis zur Verzweiflung über die eigene Lage. Letzteres ist individuell durchaus nachvollziehbar, auch wenn die Unterstützungsprogramme in allen fast allen Bereichen nie gekannte Dimensionen erreicht haben, aber eben doch nicht jeden erreichen.

Nicht nachvollziehbar ist, wie in der Diskussion um die Gefährlichkeit der Pandemie und die Angemessenheit der Schutzmaßmaßnahmen Meinungen und Fakten vermischt werden. Nach der Lektüre von ein paar Beiträgen im Internet ist eben nicht jeder in der Lage, mit echten Fachleuten auf "Augenhöhe" zu diskutieren. Das funktioniert nicht. Expertentum braucht harte Arbeit und viel Erfahrung.

Brandgefährlich sind allerdings jene Menschen – insbesondere solche mit Doktor- oder Professorentitel - die sich bewusst in der Rolle des "Querdenkers" gefallen, ihre Einlassungen vermeintlich wissenschaftlich kleiden und letztlich nichts als Zweifel und Zwietracht säen. Unbestrittene Tatsachen werden von solchen Leuten mit eigenen Annahmen, dunklen - meist in Frageform ausgedrückten Andeutungen - und kruden Thesen verknüpft, um verunsicherte Menschen mit "alternativen Fakten" hinters Licht – und in letzter Konsequenz auch gänzlich Unbeteiligte in den Tod - zu führen. Ein solches vernunft- und faktenfreies Handeln ist unlauter und gefährlich, weil es unsere Gesellschaft zersetzen kann. Es ist – zugegeben – nicht immer leicht zu erkennen. Doch diese geistige Brandstiftung sollten wir nicht dulden. Nach einer aktuellen Untersuchung glaubt fast ein Drittel der Deutschen an "geheime Mächte". Das ist ein Nährboden für beunruhigende Entwicklungen.

Dabei geht es nicht darum, den Diskurs zu beschränken. Ein wissenschaftlicher Diskurs setzt allerdings einen gemeinsamen Nenner voraus: Vernunft und Fakten. Zwar hat bei uns jeder das Recht auf eine eigene Meinung, aber nicht auf eigene Fakten.

Auf Fakten und Daten wiederum basiert Wissenschaft, und der Erkenntnisgewinn in der Wissenschaft ist nun mal das Ergebnis eines komplexen Prozesses. Bestehende Thesen zu überprüfen, sie zu bestätigen oder zu widerlegen, ist ebenso notwendig wie mühevoll und anstrengend. Dabei kann es vorkommen, dass die Maßnahmen, die im März noch gut begründet erschienen, im August verworfen werden. Und im März betraten wir, um die Worte von Ministerpräsident Volker Bouffier aufzugreifen, einen dunklen Raum. In diesen stürmt man nicht hinein, sondern man tastet sich mit Vorsicht Schritt um Schritt nach vorne. Langsam werden dann Konturen deutlich, und es wächst nach und nach das Gefühl für Maß und Topographie des Raumes.

In diesem Prozess des schrittweisen Erkennens befinden wir uns noch immer. Wir wissen lange noch nicht alles, aber mehr als noch vor einem halben Jahr. Basis aller Entscheidungen sind immer die besten zum aktuellen Zeitpunkt verfügbaren Daten.

Was wir tun können, damit wir gut durch den Herbst kommen

Die Zahl der Neuinfektionen steigt wieder. Auch bei uns in Osthessen. Das hat viele, auch menschliche und verständliche Gründe. Die "Abstand-Händehygiene-Alltagsmasken" (AHA-) Routine wird nicht mehr so konsequent umgesetzt. Vor allem im privaten Umfeld und bei Feiern. Die Infektionsketten lassen sich nicht mehr so einfach nachvollziehen wie noch im Frühjahr. Das Virus diffundiert - "sickert" - durch die Bevölkerung.

Es wird mehr getestet. Wöchentlich werden derzeit fast eine Million Tests durchgeführt. Wer mehr testet, findet auch mehr Fälle. Aktuell liegt der Anteil der positiv Getesteten von allen Getesteten bei unter 1 Prozent. Das ist deutlich weniger als im Frühjahr, als die Quote bei bis zu sechs Prozent lag. Die medizinischen Labore kommen an die Belastungsgrenze, und es fragt sich, ob und inwiefern Tests ohne Anlass sinnvoll sind.

Auch bei uns im Klinikum haben wir zusätzliche Test-Kapazitäten aufgebaut, nachdem wir bereits seit einigen Monaten als eines von wenigen Laboren in Deutschland über einen vollwertigen Schnelltest verfügen. Seit Anfang Mai werden alle Patienten, die im Klinikum Fulda aufgenommen werden, zuvor getestet. Von den bisher durchgeführten nahezu 15.000 Tests waren knapp 0,4 Prozent positiv. Das ist ein Ausdruck der bislang noch sehr niedrigen Verbreitung des Virus in unserer Region.

Wir können alle gemeinsam dafür sorgen, dass es im Herbst nicht erneut zu einem rasanten exponentiellen Anstieg der Erkrankungsfälle kommt, der dann wieder in einen Lockdown münden könnte: Die AHA-Regeln – Abstand, Händehygiene, Alltagsmasken - sind keine Zumutung, sondern Ausdruck der Wertschätzung für unsere Mitmenschen. Und für die, die sich dennoch infizieren, können kürzere Isolierungsphasen von nur fünf Tagen nach Ausbruch der Symptome zu kürzeren Arbeitszeitausfällen führen.

Auch wenn es noch keinen zugelassenen Impfstoff gegen das Corona-Virus gibt – vom russischen Sputnik V-Impfstoff, wann auch immer der verfügbar sein wird –mal abgesehen: Nach Angaben der WHO, der Weltgesundheitsorganisation, sind derzeit acht der über 160 weltweit bisher entwickelten Corona-Impfstoffe in der letzten Phase der Erprobung. Mit einer breiten Verfügbarkeit dieser Impfstoffe ist allerdings wohl erst in der zweiten Jahreshälfte 2021 zu rechnen.

Ab sofort kann gegen die Influenzavirus-Grippe geimpft werden. Menschen, die älter als 60 Jahre sind, sollten sich darüber hinaus gegen Pneumokokken - Bakterien, die eine Lungenentzündung verursachen können - impfen lassen: Um sich selbst zu schützen und um zu verhindern, dass sie im Krankheitsfall die Intensivbetten belegen, die wir im Herbst und Winter möglicherweise wieder für COVID-Patienten benötigen. 

Es gibt viele gute Gründe, mit Optimismus und Zuversicht in den Herbst zu starten.

Wir haben bisher im Umgang mit der Pandemie vieles richtig gemacht. Die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung hält die Maßnahmen zu Recht für sinnvoll und hat verstanden, dass wir die weitere Entwicklung selbst in der Hand haben, wenn jeder von uns mit Vorsicht und Rücksicht agiert.

Wir können COVID-19 heute besser behandeln als noch vor einigen Monaten, auch wenn es bis heute noch keine wirklich spezifische Therapie gibt. Im Laufe des nächsten Jahres wird es sehr wahrscheinlich eine Impfung gegen SARS-CoV-2 geben. Diese Impfung ist die beste Chance, die Pandemie zu stoppen. Und das könnte – nach aktuellen Untersuchungen schon gelingen, wenn nur 50 Prozent - und nicht wie bisher angenommen 70 Prozent - der Menschen eine Immunität, einen Schutz, gegen das Virus entwickelt haben.

Ein Optimismus, der auf dieser Argumentation fußt, ist kein Wunschdenken. Es ist ein Optimismus, der auf Realismus gründet. (Thomas P. Menzel) +++


Über Osthessen News

Kontakt
Mediadaten
Werbung
Impressum

Apps

Osthessen News IOS
Osthessen News Android
Osthessen Blitzer IOS
Osthessen Blitzer Android

Service

Blitzer / Verkehrsmeldungen Stellenangebote
Gastro
Mittagstisch
Veranstaltungskalender
Wetter Vorhersage

Social Media

Facebook
Twitter
Instagram

Nachrichten aus

Fulda
Hersfeld Rotenburg
Main Kinzig
Vogelsberg
Rhön