Die Impfung steht unbegrenzt zur Verfügung. Sie ist wirksam und sicher. Schützen Sie unsere Kinder! Gehen Sie zur Impfung! - Foto: Adobe Stock / Benedikt

REGION Gast-Kolumne von Dr. med. Thomas Menzel

Die vierte Corona-Welle rollt: Eine Pflicht zur Impfung!

ZUR PERSON DR. THOMAS MENZEL Priv.-Doz. Dr. med. Thomas P. Menzel (59) ist Facharzt für Innere Medizin mit den Schwerpunkten Gastroenterologie und Hämatologie/ internistische Onkologie sowie Zusatzqualifikationen als ärztlicher Qualitätsmanager und Diplom-Gesundheitsökonom. Seit Mai 2011 ist er Sprecher des Vorstands der Klinikum Fulda gAG.

13.09.21 - Liebe Leserinnen, liebe Leser,

ich hoffe, Sie sind gut erholt und gesund aus den Sommerferien zurückgekehrt.

"Bye, bye Corona?" hatten wir im Juni gefragt und unsere Reihe an Kommentaren geschlossen, mit denen wir seit dem Frühjahr 2020 versucht haben, Sie liebe Leserinnen, liebe Leser über die Pandemie, ihre Ursachen, ihren Verlauf und ihre Bekämpfung zu informieren.

Wir alle hatten gehofft, dass wir die Pandemie bis zum Herbst weitgehend hinter uns gelassen haben. Für diese Hoffnung gab es gute Gründe. Die Politik hat Wort gehalten: Seit Anfang des Jahres steht eine hochwirksame und überaus sichere Impfung für alle zur Verfügung, seit Juni ist mehr Impfstoff vorhanden, als verimpft werden kann. Bis auf ganz wenige Ausnahmen könnten alle, die älter als elf Jahre sind, mittlerweile gegen das Virus geschützt sein. Noch im Frühjahr konnten wir uns dieses großartigen Erfolgs noch lange nicht sicher sein.

Unser Gast-Kolumnist Priv.-Doz. Dr. med. Thomas Menzel

Eine Impfquote von mehr als 85 Prozent würde uns genau die Freiheit zurückbringen, nach der wir uns alle sehnen. Schade nur, dass ausgerechnet die, die gegen die notwendigen Maßnahmen und auch gegen die Impfungen auf die Straße gingen und immer noch gehen, einen erheblichen Anteil daran haben, dass wir dieses Ziel nicht erreicht haben und derzeit bei noch nicht einmal 65 Prozent vollständig Geimpften liegen. Aus nächster Nähe zu erleben, wie sich die Gegner der Corona-Maßnahmen und selbsternannten Hüter einer vermeintlichen Freiheit in einer Mischung aus abgrundtiefer Ignoranz und grenzenloser Wut in der Öffentlichkeit produzieren, ist abstoßend. Am vorigen Freitag hatten wir beim Besuch von Gesundheitsminister Spahn im Klinikum Fulda bedauerlicherweise Gelegenheit, den Hass der Faktenleugner zu erleben. Die Freiheit, die diese Menschen fordern, ist die Freiheit zur Infektion und zur Beschleunigung der Mutation des Virus, die einzudämmen wiederum für eine längere Zeit Restriktionen notwendig machen dürfte, um ungeschützte Menschen zu schützen. Die geforderte vorgebliche Freiheit der Faktenleugner führt zu Krankheit, Leid, Tod und mehr Restriktionen für alle.

Die vierte Welle rollt

Auch wenn es niemand nicht mehr hören möchte: Die 4. Welle ist angelaufen und wird ...Foto: Adobe Stock / lvnl

Auch wenn es niemand nicht mehr hören möchte: Die 4. Welle ist angelaufen und wird in den nächsten Wochen größer werden. Das ist die schlechte Nachricht.  

Und die gute: Alle, die ihre Chance wahrgenommen haben und geimpft sind, genießen einen Schutz vor der Infektion von fast 90 Prozent. Das ist wirklich sensationell gut.

Die Impfung schützt

Ja, es kommt auch zu so genannten Impfdurchbrüchen. Nach Angaben des Robert Koch-Instituts wurden seit dem 1. Februar dieses Jahres knapp 31.000 gezählt bei Menschen, die vollständig geimpft waren. Die Zahl mag für sich genommen hoch erscheinen, aber sie ist in Relation zu setzen zu den etwa 52 Millionen Menschen, die in Deutschland bisher vollständig geimpft sind. Die Impfungen bieten dem Individuum einen Schutz, von dem wir vor einem Jahr kaum zu träumen wagten. Und auch bei denen, die trotz vollständiger Impfung erkranken, nimmt COVID nur vereinzelt einen schweren Verlauf.

Die Impfung schützt!

Wie gut dieser Schutz funktioniert, zeigen übrigens auch die unterschiedlichen Inzidenzen – der Zahl der Neu-Erkrankungen und der positiven Testergebnisse – die sich zwischen Geimpften und Ungeimpften sehr deutlich unterscheiden. In Hessen zum Beispiel beträgt die 7-Tage-Inzidenz im Altersbereich, für den derzeit COVID-19-Impfungen zugelassen sind, unter Ungeimpften, Teilgeimpften und  Menschen ohne Angaben zum Impfstatus 272,3 pro 100.000 Einwohner. Unter den vollständig Geimpften beträgt die 7-Tage-Inzidenz 9,7 je 100.000 Einwohner. Selbst wenn einschränkend zu berücksichtigen ist, dass Geimpfte tatsächlich weniger häufig getestet werden als Ungeimpfte, ist dieser Unterschied beeindruckend.

Inzidenz bleibt weiter wichtig

Mittlerweile sterben an jedem Tag wieder bis zu 50 Menschen an Corona: Mütter und Väter, ...

Die Inzidenz ist – trotz aller Diskussionen um ihre Interpretation – eine gute Messzahl. Sie ist erprobt, leicht verständlich, erlaubt Vergleichbarkeit, und sie lässt uns die kommende Belastung des Gesundheitssystems mit ca. zwei Wochen Vorlauf abschätzen. Lag die Wahrscheinlichkeit eines Krankenhausaufenthalts zu Beginn der Pandemie bei etwa zehn Prozent der Infizierten, so hat die schützende Wirkung der Impfung insbesondere bei den älteren dazu beigetragen, dass aktuell noch zwei bis drei Prozent der positiv getesteten ins Krankenhaus müssen.

Auch die Zahl der Menschen, die an COVID sterben, ist deutlich gesunken - von 1.244 an einem Tag im Januar auf 14 im August. Mittlerweile sterben an jedem Tag wieder bis zu 50 Menschen an Corona: Mütter und Väter, Söhne und Töchter, Schwestern und Brüder, Verwandte und Freunde, deren Tod in den allermeisten Fällen vermeidbar gewesen wäre! Durch eine wirksame und sichere Impfung.

Die Mehrheit erkennt die Fakten an

Die große Mehrheit der Menschen in unserem Land erkennt diese Fakten an. Knapp 62 Prozent der Deutschen sind vollständig geimpft, und unter den Kindern und Jugendlichen ab zwölf Jahren, für die die Impfung erst Mitte August empfohlen wurde, wächst die Zahl der Geschützten rasch. Schon ein Viertel von ihnen ist vollständig geimpft. Die Impfbereitschaft ist gerade in dieser Altersgruppe erfreulich hoch.

Knapp 52 Millionen Menschen in diesem Land sind damit bisher vollständig geimpft und etwa acht Millionen gelten als genesen. Damit sind etwa 60 Millionen Menschen durch Impfung oder eine überstandene Erkrankung immunisiert.

Die Pandemie der Ungeimpften

Gesundheitsminister Spahn hat Recht, wenn er sagt, dass es sich in Deutschland mittlerweile ...

Aber es bleiben etwa 23 Millionen, die nicht geschützt sind, weil es entweder noch keine Impfung für sie gibt - wie für Kinder bis zu zwölf Jahren - oder weil ernste medizinische Gründe in Einzelfällen – von denen es allerdings tatsächlich nur sehr, sehr wenige gibt - gegen eine Impfung sprechen. Und Menschen, die trotz der mittlerweile 18 Monate langen Pandemie noch immer nicht dazu gekommen sind, sich impfen zu lassen, oder die trotz mittlerweile über 5,5 Milliarden weltweit verabreichter Impfdosen noch nicht von der Sicherheit der Impfungen überzeugt sind. Und es gibt auch Menschen die ungeschützt sind, weil sie den Schutz nicht wollen und ihn - aus welchen Gründen auch immer – leise, aber leider auch lautstark ablehnen. Gesundheitsminister Spahn hat Recht, wenn er sagt, dass es sich in Deutschland mittlerweile um eine Corona-Pandemie der Ungeimpften handelt. Denn diese 23 Millionen Menschen werden - wenn sie sich nicht doch noch impfen lassen - früher oder später an COVID-19 erkranken. Das ist sicher, und das fordert uns alle als Gesellschaft, als Staat und als Gemeinwesen heraus.

Delta-Variante ist so ansteckend wie die Windpocken

Die sehr hohe Übertragungsrate ist auch der wesentliche Grund dafür, dass die Zahl ...

Die Delta-Variante (B.1.351.2) ist derzeit für fast alle Infektionen verantwortlich. Vollständig geimpfte Menschen sind gut geschützt, auch gegen Delta. Unter den Menschen hingegen, die heute nicht geschützt sind, wird die Delta-Variante zu mehr als doppelt so vielen Krankenhaus-Einweisungen führen wie die bisherigen Varianten des Virus und auch zu mehr Todesfällen. Die Übertragbarkeit von Delta ist vergleichbar mit der der Windpocken, die deshalb so heißen, weil sie Menschen "mit dem Wind" über mehrere Meter Distanz anstecken. Die sehr hohe Übertragungsrate ist auch der wesentliche Grund dafür, dass die Zahl der Menschen, die wegen COVID ins Krankenhaus oder gar auf die Intensivstation gebracht werden müssen, wieder steil ansteigt.

Einschränkungen für Geimpfte, um die Ungeimpften zu schützen?

Selbst wenn es nicht so schlimm kommen sollte wie im vorigen Winter, geraten wir in ein Dilemma:

Werden wir in den Krankenhäusern wieder den Betrieb umstellen?

Werden wir in den Krankenhäusern wieder den Betrieb umstellen, knappes, hochqualifiziertes Personal eigens für Corona-Patienten abstellen und Eingriffe verschieben müssen, weil COVID-Kranke zu behandeln sind? Patienten, die allerdings – im Gegensatz zum Vorjahr – nicht erkrankt sind, weil es keinen Schutz gab, sondern weil sie keinen Schutz wollten. Und die nun die Betten belegen, die wir dringend für andere schwerkranke Patientinnen und Patienten benötigen.

Und auch außerhalb der Kliniken – in unser aller Alltag – werden wir zu spüren bekommen, dass die Pandemie noch weiter wütet, obwohl wir es in der Hand hätten, sie weitgehend zurückzudrängen.

Hinzu kommt: Das Virus wird weiter mutieren. Je mehr Menschen es infizieren kann, umso wahrscheinlicher werden sich gefährlichere Varianten entwickeln, die womöglich auch den Impfschutz unterlaufen könnten. Das Reservoir an Menschen, in denen sich bedrohliche Varianten entwickeln können, bilden vor allem die Ungeschützten.

Bis auch die bisher 23 Millionen Ungeschützten durch Infektion oder Impfung geschützt sein werden, werden wir Masken im Alltag tragen, Abstand halten, Zugangsbeschränkungen an bestimmten Orten auferlegen und abermals mit stark belasteten, wenn nicht überlasteten Gesundheitseinrichtungen rechnen müssen. Das ist keine Angstmache, das ist eine absolut realistische Perspektive. Die Restriktionen wiederum, die auch den Geimpften und Genesenen abverlangt werden, dienen vor allem - wenn nicht sogar ausschließlich - dem Schutz der Ungeschützten, der Ungeimpften.

Verantwortung und Freiheit

Wir sollten versuchen, die Impfquote noch vor dem Herbst, wenn wir mit steigenden Inzidenzen ...

Wir sollten versuchen, die Impfquote noch vor dem Herbst, wenn wir mit steigenden Inzidenzen rechnen müssen wie im vorigen Jahr, deutlich zu verbessern. Es wäre noch immer möglich, uns mit einer Steigerung der Impfquote auf 80 bis 90 Prozent in den kommenden Wochen aus der Pandemie weitgehend "herauszuimpfen". Das wird allerdings schwierig und wahrscheinlich auch nicht vollständig gelingen, weil wir in den letzten Wochen viel Zeit verloren haben.

Ungeachtet dessen steht fest: Die Freiheitsrechte sind in unserem Land verfassungsmäßig verbrieft. Jene, die geschützt sind, genießen wieder ihre Freiheit – sofern es die Rücksicht auf die Ungeschützten zulässt. Die Diskussion, wie weit sich geschützte Menschen den drohenden Restriktionen zu beugen bereit sein werden, weil sich andere nicht schützen lassen wollen, werden wir führen müssen.

2G-Regel ist Schutz für Ungeimpfte

Um die Ungeschützten zu schützen, sollte für Menschen, für die es ein Impfangebot ...

Um die Ungeschützten zu schützen, sollte für Menschen, für die es ein Impfangebot gibt, konsequent die 2G-Regel gelten. Zutritt zu bestimmten Räumen, Plätzen und Veranstaltungen sollten nur Menschen mit Impfangebot erhalten, die geschützt sind. Nicht Getestete ohne Impfung, für die es ein Impfangebot gibt, das diese aber nicht wahrnehmen, bleiben draußen. Vor allem um sich selbst zu schützen.

Es mag manche geben, die das diskriminierend finden und über eine "Impfpflicht durch die Hintertür" schimpfen, die die 3G-Regel bevorzugen, die Ungeimpften den Zutritt erlauben soll.

Fakt ist: der Test liefert nur ein bedingt sicheres Ergebnis als Momentaufnahme, und vor allem bietet dem Getesteten keinerlei Schutz! Geschützten wiederum kann das Virus mit einer Wahrscheinlichkeit von fast 90 Prozent nichts mehr anhaben. Allerdings können die Geimpften das Virus – wenn auch in deutlich reduzierter Bedrohlichkeit – weiterbreiten. Das heißt: Wer lediglich negativ getestet ist, wird sich selbst unter Geimpften irgendwann infizieren und auch erkranken.

Die Kinder schützen

Schwer wird es weiterhin werden für jene, für die es noch keinen Impfschutz gibt, also vor allem für die Kinder im Alter bis zu zwölf Jahren. Diese erkranken zwar fast immer nicht so schwer an COVID wie Erwachsene, aber auch unter ihnen gibt es schwere Verläufe. Und wir wissen noch viel zu wenig über Long-COVID. Also über jene Leiden, die selbst nach einer symptomfreien Erkrankung – auch bei Kindern - auftreten können. An Impfstoffen für Kinder, die jünger als 12 Jahre sind, wird gearbeitet, möglicherweise werden sie noch im Laufe des Jahres zugelassen werden können.

Insbesondere auch den Kindern gegenüber haben nunmehr die Älteren eine Pflicht, ...

Bedenken wir: unsere Kinder leben seit bald zwei Jahren unter den Bedingungen der Pandemie, um vor allem die Alten zu schützen. Sie durften nicht so spielen, lernen und sich entwickeln, wie es für junge Menschen in diesem Alter normal und wichtig gewesen wäre. Insbesondere auch den Kindern gegenüber haben nunmehr die Älteren eine Pflicht, sich zu schützen.

Dieser Pflicht ist einfach nachzukommen: Die Impfung steht unbegrenzt zur Verfügung. Sie ist wirksam und sicher. Schützen Sie unsere Kinder! Gehen Sie zur Impfung! (Thomas P. Menzel) +++

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