Der Weg zurück in die Normalität im Alltag und im Gesundheitssystem bleibt schwierig, auch wenn die erste Infektionswelle über uns gegangen. - Foto: Christian P. Stadtfeld

REGION Gastkommentar von Dr. med. Thomas Menzel

Zur Coronavirus-Lage: Der schwere Weg in die neue Normalität

Zur Person Dr. Thomas MenzelPriv.-Doz. Dr. med. Thomas P. Menzel (56) ist Facharzt für Innere Medizin mit den Schwerpunkten Gastroenterologie und Hämatologie/ internistische Onkologie sowie Zusatzqualifikationen als ärztlicher Qualitätsmanager und Diplom-Gesundheitsökonom. 2004 hat er sich für das Fach Innere Medizin habilitiert. Seit Mai 2011 ist Dr. Menzel hauptamtlicher Vorstand der Klinikum Fulda gAG und trägt dort die Verantwortung für die Krankenversorgung.

21.06.20 - In den letzten ein, zwei Wochen schien die Corona-Pandemie nicht mehr das alles beherrschende Thema in Deutschland zu sein. Die Erinnerung an die Zeit der Hamsterkäufe, als Toilettenpapier, Desinfektionsmittel und Masken knapp waren, und als jede Nachrichtensendung mit den aktuellen Infektionszahlen aufmachte, begann so langsam zu verblassen. Auch die offiziellen Zahlen waren rückläufig, weniger als 300 tägliche Neuinfektionen in Deutschland, der R-Wert verlässlich unter 1.  

Jetzt ist die Pandemie wieder da: Die Ereignisse in Göttingen, in Berlin-Neukölln und besonders im Umfeld der Fleischfabrik in Rheda-Wiedenbrück zeigen uns, dass sich die Zahlen ganz schnell wieder drehen und regelrecht nach oben schießen können, - wenn es die Umstände erlauben, und wir es zulassen.

Der Weg zurück in die Normalität im Alltag und im Gesundheitssystem bleibt also schwierig, auch wenn die erste Infektionswelle über uns gegangen und die Wendung zum Besseren mit Zahlen zu belegen ist.

Noch Mitte April wurden in den hessischen Krankenhäusern knapp 1.000 Patientinnen und Patienten wegen einer COVID-19-Erkrankung behandelt. Derzeit – zwei Monate später - befinden sich noch 217 Patientinnen und Patienten wegen einer nachgewiesenen Infektion mit dem SARS-CoV-2 oder dem dringenden Verdacht darauf in stationärer Behandlung. Von diesen liegen 171 auf den Normalstationen sowie weitere 46 auf den Intensiv- und IMC-Stationen (Intermediate Care als einer Zwischenstufe zwischen Normal- und Intensivstation). Von diesen wiederum werden derzeit 31 beatmet. In Osthessen werden aktuell 25 Patientinnen und Patienten wegen COVID-19 stationär behandelt, ein Patient von diesen wird im Klinikum Fulda beatmet. 

Der zwischenzeitliche Anstieg der Fallzahl in den Landkreisen Fulda und Hersfeld-Rotenburg hat nicht unmittelbar dazu geführt, dass mehr Patienten stationär aufgenommen wurden. Allerdings liegen zwischen der Infektion und dem Ausbruch der Erkrankung in der Regel sieben bis zehn Tage. Eine Krankenhausbehandlung wird bei schweren Verläufen, die in etwa zehn Prozent aller COVID-Fälle zu beobachten sind, meist erst nach zwölf bis fünfzehn Tagen erforderlich. Es bleibt also immer eine Ungewissheit und wir müssen lernen, mit dieser zu leben. Auch wenn wir feststellen, dass es in Osthessen in vergangenen Tagen zu einem - wenn auch moderaten - Anstieg der Zahl von COVID-Fälle gekommen ist.

Gleichwohl kommt die Häufung von Fällen in den Landkreisen Fulda und Bad-Hersfeld-Rotenburg, in Rheda-Wiedenbrück und in Berlin nicht überraschend. Nachdem wir die Übertragungswege des Virus in den vergangenen Monaten weltweit beobachtet und besser verstanden haben, ist davon auszugehen, dass sich das Virus in so genannten "Clustern" ausbreitet. Dabei spielen die "Superspreader" eine besondere Rolle. Das sind Menschen, die selbst – meist ohne es zu merken - infiziert sind, und besonders viele andere Menschen anstecken. Warum das so ist, ist noch nicht ganz klar. Wahrscheinlich haben diese Personen in der frühen Phase ihrer Erkrankung besonders viele Viren in Nase und Rachen. Wenn sich diese Personen dann mit vielen anderen Menschen in geschlossenen, schlecht oder gar nicht belüfteten Räumen aufhalten, kommt es in kurzer Zeit zu zahlreichen neuen Infektionen. Solche Ereignisse können überall und zu jedem Zeitpunkt auftreten. Dann ist es entscheidend, alle Kontaktpersonen möglichst schnell ausfindig zu machen und sofort in Quarantäne zu bringen, um die Infektionsketten zu durchbrechen. Diese Aufgabe nehmen die Gesundheitsämter in Fulda, Hersfeld und Lauterbach sehr ernst und setzen sie mit großem Engagement erfolgreich um.

Die Corona-Warn-App steht zum Download bereit. Foto: Christian P. Stadtfeld

Seit dieser Woche kann die neue "Corona-Warn-App" bei dieser Arbeit helfen. Deshalb unterstützen wir im Klinikum die "Corona-Warn-App" ausdrücklich und haben allen unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern empfohlen, sich die App herunterzuladen. Denn alle, die im Gesundheitswesen arbeiten, tragen eine besondere Verantwortung für ihre Patientinnen und Patienten. Im Klinikum Fulda ist es bisher nur in drei Fällen zu einer Infektion von Ärzten und Pflegekräften gekommen. Auch in den anderen Krankenhäusern der Region sind die Zahlen niedrig geblieben, was ebenfalls dafür spricht, dass wir alle im Gesundheitssystem professionell mit den Risiken umgehen.

Für die weitere Entwicklung der Pandemie hängt viel davon ab, wie gut wir uns alle an die bekannten Regeln halten: Abstand halten und Masken tragen, insbesondere in öffentlichen Gebäuden, in denen sich viele Menschen begegnen. Nutzen wir den Sommer. Denn in diesen Monaten gibt es viele Gelegenheiten zum "Draußen-Sein". Das ist gut, denn dort ist das Risiko einer Ansteckung viel geringer als in geschlossenen Räumen.

Bisher ist festzuhalten, dass die Menschen in Deutschland im Großen und Ganzen sehr vernünftig mit der Pandemie umgegangen sind. Die Maßnahmen haben gewirkt, weil sich die allermeisten daran gehalten haben. Die Verantwortlichen haben schnell und richtig gehandelt. Die medizinische Versorgung hat sehr gut funktioniert.  

Unser Gastkommentator Priv.-Doz. Dr. med. Thomas ...Foto: Hendrik Urbin

Der häufig irrationale Protest gegen die Maßnahmen hat sich weitgehend aufgelöst. In den Staaten, die sich früh und konsequent um eine Eindämmung der Pandemie bemüht haben, werden die Maßnahmen von der großen Mehrheit der Menschen für sinnvoll und richtig gehalten. In Ländern, die eine andere Strategie verfolgen oder verfolgt haben, gibt es dagegen immer mehr Kritik an den Verantwortlichen. So sind die Sterberaten in schwedischen Altenheimen dramatisch gestiegen, und die erhoffte "Herdenimmunität", die die Pandemie stoppen soll, ist noch nicht ansatzweise erreicht. Im Schnitt wurde in Schweden in weniger als sechs Prozent der Menschen Antikörper gegen das Virus gefunden. Um eine Herdenimmunität zu erreichen, müssten 60 bis 70 Prozent der Menschen Antikörper gebildet haben. In Ländern wie den USA oder Brasilien steigen die Infektionszahlen weiter. Dort sind vor allem die ärmeren Bevölkerungsschichten betroffen. Im Vergleich zu den Vorjahren verzeichnen insbesondere die Länder, die gar nicht oder zu spät Maßnahmen ergriffen haben, einen erheblichen Anstieg der Zahl der Sterbefälle. Eine Entwicklung, von der wir in Deutschland weitgehend  verschont geblieben sind.

Im Klinikum Fulda richten wir uns ...Archivfoto: Hendrik Urbin

Der Weg zurück zur Normalität in der Gesellschaft und im Krankenhausbetrieb gestaltet sich indes schwieriger als gedacht und wird länger dauern als erhofft. Im Klinikum Fulda richten wir uns auf eine neue "Normalität" ein. Dazu gehören Corona-Tests bei allen Patientinnen und Patienten, die wir stationär aufnehmen, ebenso wie strenge Besuchsregelungen, die wir nach den Vorgaben der hessischen Landesregierung umsetzen.   

Wir können viele der verschobenen Operationen in diesen Wochen "nachholen". Die Operationssäle sind wieder gut ausgelastet. Das ist gut für die Patienten, die teilweise schon lange darauf gewartet haben. Die Belegung der Betten liegt mit etwa 70 Prozent jedoch noch um fünfzehn bis zwanzig Prozent unter der normalen Belegung.

Vor allem aber bleiben wir wachsam. Wir beobachten die Entwicklung der Zahl der Neu-Infektionen bei uns in der Region und in Deutschland weiter sehr genau und sind - gemeinsam mit den niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten, den Behörden und den Krankenhäusern der Region – immer für Sie da, wenn Sie uns brauchen. Ein Impfstoff, der die Pandemie stoppt, wird in diesem Jahr voraussichtlich noch nicht zur Verfügung stehen, auch wenn weltweit engagiert dran gearbeitet wird. Allein die Anzahl der benötigten Impf-Dosen geht aufgrund des weltweiten Bedarfs in die Milliarden. Es wird spannend zu sehen, wir die Verteilung dann erfolgen wird.

Spannend wird es auch wieder im Herbst, auch wenn es lokal oder regional jederzeit auch schon früher wieder hektisch werden kann. Ob es dann auch in Deutschland zur befürchteten "Zweiten Welle" kommen wird, hängt nicht allein vom Schicksal, sondern von uns allen ab. (Thomas P. Menzel) +++


Über Osthessen News

Kontakt
Mediadaten
Werbung
Impressum

Apps

Osthessen News IOS
Osthessen News Android
Osthessen Blitzer IOS
Osthessen Blitzer Android

Service

Blitzer / Verkehrsmeldungen Stellenangebote
Gastro
Mittagstisch
Veranstaltungskalender
Wetter Vorhersage

Social Media

Facebook
Twitter
Instagram

Nachrichten aus

Fulda
Hersfeld Rotenburg
Main Kinzig
Vogelsberg
Rhön