Jesus, erzählte Bischof Gerber damals in seiner Predigt, sei "der allererste Talentscout" gewesen – "er hat das Talent entdeckt, dass Menschen auf eigenen Beinen stehen können". - Archivfoto: ON/Carina Jirsch

REGION Echt jetzt! (13)

Der Fußball geht am Himmel auf - Bemerkungen von Rainer M. Gefeller

20.06.24 - Wir wollen jetzt mal den Ball flach halten. Geht ja nicht anders, außer Fußball interessiert doch im Moment nix, und zwar zu Recht. Selbst die vor sich hin hüstelnden Kultur-Sachverständigen sowie die sprödesten Nachrichtensprecher im Öffentlich-Rechtlichen und sogar die Kirchen sind plötzlich vom Fußball-Fieber erfasst und schmiegen sich ran an die allgemeine Begeisterung. Aber Obacht! Der Frankfurter Fußball-Philosoph Mario Götze hat rechtzeitig auf die Gefahr hingewiesen, in der unsere kickenden Helden leben: "Mal ist man der Hund, mal ist man der Baum!"

Während wir unsere Europa-Meisterschaft zelebrieren, könnten wir auch einfach ein Jubiläum feiern: Vor 150 Jahren, 1874, haben Braunschweiger Schüler ihrer Langweiler-Stadt einen Funken Ruhm verschafft, weil sie als erste in Deutschland Fußball gespielt haben. Ihr Lehrer Konrad Koch hat "seine Jungs" dazu gebracht und wird in einschlägigen Museen heute noch als Deutschlands wahrer Fußball-Pionier gefeiert.

Damals freilich galt der Herr Koch weithin als Nestbeschmutzer. Der Turnlehrer Karl Planck pestete noch 1898 in einer Art Kampfschrift unter dem Titel "Fußlümmelei" gegen die längst nicht mehr aufzuhaltende "englische Krankheit". 

Ein Fußball im Gottesdienst. Archivfoto: ON/Carina Jirsch

Hässlich sei diese Bewegungsform, "das Einsinken des Standbeins ins Knie, die Wölbung des Schnitzbuckels, das tierische Vorstrecken des Kinns erniedrigt den Menschen zum Affen." Lümmelhaft und gemein sei dieses Spiel, eine Sport gewordene Sünde gegen die anständigen Formen der Leibesertüchtigung. "Fehlt nur noch, dass auch die Mädchen die liebliche Angewohnheit annähmen. Fußballcancan!" Dem missmutigen Herrn Planck, der sein Büchlein gleich noch für Herabsetzungen von "Franzmännern" und anderen Völkern nutzte, war der Fußball einfach nicht deutsch genug. Aber darum geht es doch gerade, Du Turnlehrer! 

Der Fuldaer Bischof Michael Gerber hat den guten Grenz-überschreitenden Sportsgeist längst als Kirchen-kompatibel eingeordnet. 2023 marschierte er zu "You’ll Never Walk Alone" zu einem fußballerisch inspirierten Gottesdienst in die Fuldaer Klosterkirche. Vorm Altar lag ein Fußball, mancher Gläubige kam im Trikot oder hatte sich wenigstens einen Fan-Schal umgeschlungen. Jesus, erzählte der Bischof damals in seiner Predigt, sei "der allererste Talentscout" gewesen – "er hat das Talent entdeckt, dass Menschen auf eigenen Beinen stehen können". So viel Fußball-Nähe könnte auch Gerbers Chef im Vatikan gefallen: Papst Franziskus glühte für den Erstliga-Club Atlético San Lorenzo de Almagro in Buenos Aires, seine Mitgliedsnummer: 88.235. Die Fans nannten sich selbst "Santos", die Heiligen – da haben wir sie wieder, die Nähe von Kirche und Fußball. Das Satiremagazin Titanic spottete, der argentinische Papst habe eigentlich den Namen "Messi I." annehmen wollen, sei aber bei den Kardinälen damit nicht durchgekommen. Eigene fußballerische Ambitionen hat der heutige Papst flott aufgegeben: "Als ich klein war, musste ich immer ins Tor, weil ich so schlecht gespielt habe."

"You’ll Never Walk Alone"

Die Musikauswahl unseres Bischofs zeugt von seinem Fußball-Verstand. "You’ll Never Walk Alone ist in der Version von Gerry & the Pacemakers die Mutter aller Fußball-Songs: 79 Millionen Aufrufe auf YouTube, seit 1963 der Herzens-Hit beim FC Liverpool. Vor vier Wochen schluchzten im legendären Stadion an der Anfield Road mal wieder über 60.000 zu dem Lied – das war der Tag, als ihr Held Jürgen Klopp sich verabschiedete. Textprobe: "Geh weiter, immer weiter. Mit Hoffnung im Herzen gehst Du niemals allein." Ist ja wirklich zum Heulen schön. Und irgendwie auch tiefreligiös.

Die Kirchen, denen die Begeisterungsfähigkeit aus bekannten Gründen vielerorts abhandengekommen ist, suchen immer mal wieder die Nähe zu der kaum zu greifenden Magie des Fußballs. "Bruder Paulus", ein begnadeter Kapuziner-Prediger, der lange in Frankfurt arbeitete, veröffentliche zur EM 2008 ein Buch, Titel "Bei Gott bist Du Champion". Im Vorwort notierte er: "Dein Trainer ist Jesus. Er weiß, was du kannst. Er weiß, was die anderen können." Gerade eben beschwor der Fuldaer Stadtpfarrer Stefan Buss in seinem wöchentlichen "Impuls" in Osthessen-News den "Teamgeist" des Fußballs – auch Gesellschaft, Staat und Kirche könnten nur damit erfolgreich sein. Der protestantische Pfarrer Stefan Bürger zelebrierte letzten Sonntag in seiner Kreuzkirche einen Gottesdienst im Sport-Hemd, um den Hals hatte er eine schwarz-rot-goldene Girlande geschlungen. "Auch auf dem Fußball-Platz geschehen Wunder", predigte er seiner durchweg sportlich gekleideten Gemeinde; Wunder wünschen sich die Kirchen wohl auch in dieser existentiellen Krisenzeit.

Bemerkungen von Rainer M. Gefeller Grafik: O|N

Der Fußball erleidet grausame Niederlagen; Existenzkrisen erleidet er nicht. Selbst theologische Anmaßungen werden dem Fußball verziehen. Zum Beispiel die Sache mit dem Fußballgott. Herbert Zimmermann 1954 über den Torwart Toni Turek: "Turek, du bist ein Teufelskerl! Turek, du bist ein Fußballgott!" Bundespräsident Theodor Heuss: "Das geht zu weit!" Kirchenvertreter waren empört, Zimmermann musste sich entschuldigen. Inzwischen wurden so viele Kicker zu Göttern erhoben, dass man kaum noch nachkommt – Pelé natürlich, der Österreicher Hans Krankl, der Schweizer Marc Zellweger, sogar der Eintracht-Held Alexander "macht die Kirsche rein" Meier, der freilich solche Überhöhungen zurückwies: "Ich bin nur der Alex." 

Am 31. Mai 2002, vor dem WM-Eröffnungsspiel, hat Fußball-Fan Günter Grass in Seoul sein Gedicht "Nächtliches Stadion" vorgetragen. Der literarische Leckerbissen wurde weltweit im Fernsehen übertragen, nur in Deutschland nicht – "aus technischen Gründen", hieß es. Weil’s so himmlisch schön ist, hier nochmal zum Nachlesen:

Die Welt wartete auf Fußball,
doch zuerst bekam sie Poesie.
Langsam ging der Fußball
am Himmel auf.
Nun sah man,
dass die Tribüne besetzt war.
Einsam stand der Dichter im Tor.
Doch der Schiedsrichter pfiff: Abseits.

Wie kommt man jetzt wieder auf den Boden und zum Schluss? Ach, zitieren wir doch einfach unseren großartigen Frauen-Nationaltrainer Horst Hrubesch: "Ich sage nur ein Wort: Vielen Dank!" 

YouTube wartet noch auf Sie, mit "You’ll Never Walk Alone" und einem herrlichen Video dazu, und zwar hier: https://www.youtube.com/watch?v=OV5_LQArLa0 (Rainer M. Gefeller) +++

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