Sandhamn im östlichen Stockholmer Schärengarten - © Wikipedia / Arild Vågen, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=29313053

FULDA Was wir lesen, was wir schauen (150)

Astrid Lindgren, Ferien auf Saltkrokan - Dieser Tag, ein Leben

09.08.26 - Wer gern liest, ist früher oder später der berühmtesten Schriftstellerin Schwedens begegnet. Kommen Sie mit mir in den Stockholmer Schärengarten, wo das Meer glitzert, der Himmel strahlend blau ist, kleine ochsenblutrote Häuser zwischen Felsen stehen und eine Familie mit vier Kindern einen unvergesslichen Sommer erlebt. Astrid Lindgrens "Ferien auf Saltkrokan" ist für mich das schönste Sommerbuch überhaupt – und deshalb genau die richtige Lektüre, um die Sommerferien mit leiser Wehmut zu verabschieden.

Astrid Lindgren © Wikipedia / Tore Burnäs (Q111326342), Public domain, via Wikimedia Commons

Das Schreinerhaus aus der TV-Serie Saltkrokan auf Norröra © Wikipedia / Sune Hamrin CC0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=15829256

Wir auf Saltkrokan

"Vi på Saltkråkan" ist das einzige Buch Astrid Lindgrens, das aus einer Fernsehserie hervorging. Sie entwickelte aus ihrem Drehbuch den Roman. Die deutsche Fassung hieß zunächst "Ferien auf der Kräheninsel", eine durchaus treffende Übersetzung des Originaltitels (saltkråkan = Salzkrähe). 1964 erschienen Film und Buch.

Familie Melkersson – ich bleibe bei den schwedischen Namen – reist mit Vater Melker, Tochter Malin sowie den Söhnen Johan, Niklas und Per auf die Schäreninsel Saltkråkan. Dort hat Melker das sogenannte Schreinerhaus für den Sommer gemietet, ohne es jemals gesehen zu haben. Der Makler hat den gutmütigen und leichtgläubigen Familienvater gründlich übers Ohr gehauen: Das Dach ist undicht, der Herd verrostet, vieles funktioniert nicht. Doch niemand lässt sich entmutigen. Alle sind entschlossen, hier den Sommer ihres Lebens zu verbringen. Und genau das geschieht.

Der Originaltitel "Wir auf Saltkrokan" trifft den Ton des Romans viel besser als der etwas nüchterne deutsche Titel. Denn nicht um Ferien, sondern um dieses "Wir" geht es. Schon bei der Ankunft am Fähranleger begegnen die Melkerssons ihren künftigen Nachbarn. Der kleine Per schließt sofort Freundschaft mit Stina und ihrem Papagei, mit Tjorven und ihrem riesigen Bernhardiner Båtsman sowie mit Eltern, Großeltern und allen, die sonst noch zur Inselgemeinschaft gehören.

So könnte es auf Saltkrokan ausgesehen haben © Pixabay / Frycke

Wer wollte hier nicht gern Urlaub machen! © Pixabay / falco

Ein "Bootsmann" – Tjorvens gutmütiger vierbeiniger Begleiter war ein Bernhardiner ...© Pixabay / Seaq68

Gleichwürdigkeit von Kindern und Erwachsenen

Astrid Lindgren entwirft eine Welt, die von Gemeinschaft, Freundlichkeit und gegenseitigem Respekt geprägt ist. Erwachsene und Kinder begegnen sich auf Augenhöhe. Alle dürfen so sein, wie sie sind. Die Kinder streifen über die Insel, entdecken die Welt, erleben kleine und große Abenteuer und begegnen Menschen, die ihnen Geschichten erzählen – Erinnerungen ebenso wie Seemannsgarn und Märchen.

In der traumschönen Schärenwelt Stockholms © Pixabay / Ylvers

So ein Haus stand ganz gewiss auf Saltkrokan © Pixabay / efraimstochter

Lindgrens Saltkråkan ist ein sonnendurchflutetes Paradies, aber keineswegs eine heile Welt. Wie ein leiser roter Faden ziehen sich Verlustangst und unerfüllte Sehnsüchte durch den Roman. Die Melkersson-Kinder mussten den Tod der Mutter verkraften, Malin ist längst zur Ersatzmutter für ihre Brüder und oft auch für ihren Vater geworden. Gerade der kleine Per spürt diese Angst besonders stark. Auch seine Brüder fürchten nichts mehr, als dass Malin sich verlieben und die Familie verlassen könnte. Sicherheitshalber vergraulen Johan und Niklas daher jeden jungen Mann, der Malin zu nahe kommt.

Malin hingegen ist zwar ihrer Familie herzlich zugetan, möchte aber gern heiraten und schreibt darüber auch in ihrem Tagebuch. Tjorven und Stina sind überzeugt, dass nur ein Prinz gut genug für Malin wäre. Also küssen sie kurzerhand einen Frosch – sicher ist sicher! Tatsächlich erscheint kurz darauf der Naturforscher Petter Malm, zwischen Malin und ihm entwickelt sich tatsächlich Liebe. Auch Tod und Vergänglichkeit blendet Lindgren nicht aus, etwa als Pers geliebtes Kaninchen Jocke totgebissen wird.

Cover der deutschen Ausgabe © Jutta Hamberger

Cover der schwedischen Ausgabe © Verlag Rabèn & Sjögren

Ein weiteres Leitmotiv ist der Gegensatz zwischen arm und reich. Die wohlhabenden Figuren des Romans wirken bemerkenswert unsympathisch: Krister, der um Malin wirbt, ist arrogant, Bankdirektor Karlberg denkt vor allem in Geld. Lindgren macht immer wieder deutlich, dass wahrer Reichtum weder auf dem Bankkonto noch in Schatzkisten liegt, sondern im Herzen und im Umgang mit anderen Menschen.

Von Kindern und Vätern

Astrid Lindgren nimmt Kinder genauso ernst wie Erwachsene. Besonders schön zeigt sich das in der Beziehung zwischen Tjorven und Melker, die vielleicht symptomatisch dafür ist, dass Erwachsene Kinder nicht nur umsorgen und erziehen, sondern viel von ihnen lernen können. Die Kinder genießen große Freiheiten – und lernen ganz selbstverständlich, dass Freiheit immer auch Verantwortung bedeutet. Darin liegt der große Reiz der Erzählung Lindgrens: Ohne Pädagogik und Zeigefinger spüren Kinder, dass Freiheit, Verantwortung und Miteinander zusammengehören.

Vor allem aber ist Melker einer der liebenswertesten Väter der Kinderliteratur – nicht nur bei Astrid Lidgren. Melker ist kein Held, der alles kann, sondern ein liebevoller Vater, der Fehler macht, Hilfe braucht und sie ohne falschen Stolz annimmt. Seine Kinder lachen über ihn und mit ihm, helfen ihm und lieben ihn mit all seiner Ungeschicklichkeit. Denn sie wissen eins sehr genau: Ihr Vater ist immer für sie da. Und so ist auch das eine zentrale Lindgren-Botschaft: Stärke zeigt sich nicht darin, keine Schwächen zu haben. Sie zeigt sich darin, trotz seiner Schwächen für andere da sein zu wollen.

Prachtvoller und sehr stolzer Gockel auf felsigem Schärengrund © Jutta Hamberger

Denna dagen, ett liv

Deshalb ist auch Melkers Lieblingssatz so bedeutsam: "Denna dagen, ett liv" (Dieser Tag, ein Leben).

Das Zitat stammt von Thomas Thorild, einem schwedischen Schriftsteller des 18. Jahrhunderts. Astrid Lindgren entdeckte es bei einem Besuch im Haus der Frauenrechtlerin Ellen Key und machte es zu Melkers Lebensmotto. Genieße jeden Tag, wie er kommt. Verschwende ihn nicht mit Missmut oder Neid. Tue Dinge, die dir und anderen guttun. Das Zitat ist aber kein Beglückungssatz fürs Poesiealbum, denn es meint auch, das ganze Leben anzunehmen – mit Freude und Liebe ebenso wie mit Trauer, Wut, Angst und Zweifeln.

Wer würde in einem solchen Häuschen nicht gern seinen Sommerurlaub verbringen? ...© Jutta Hamberger

Die Fernsehserie "Saltkråkan" habe ich als Kind kennengelernt. Ende der 1980er Jahre las ich "Vi på Saltkråkan" erstmals im schwedischen Original. Mein erstes schwedisches Buch – nach einigen Jahren Sprachunterricht. Ich lag mit einem heftigen Infekt im Bett und verbrachte die Tage lesend. Bis heute erinnere ich mich daran, wie ich in Lindgrens Welt hineingezogen wurde. Anders als bei "Pippi Langstrumpf" oder "Kalle Blomkvist" war in der deutschen Version hier zwar nichts weichgespült oder pädagogisch überarbeitet worden, und doch war es ein anderes Leseerlebnis. Der Beginn meiner Entdeckungsreise in Lindgrens Welt.

Wie der Schriftstellerin Lena Gorelik, die "Vi på Saltkråkan" als das "Buch meines Lebens" bezeichnete, geht es auch mir: Dieser Roman tröstet und richtet auf. Man taucht in diese Inselwelt ein und möchte eigentlich gar nicht mehr fort. Gorelik formulierte es so: "Ich habe das so genau vor Augen, als wäre ich heute dort gewesen. Ich weine immer noch an denselben Stellen. Ich lache immer noch an denselben Stellen. Bücher, die eine solche Menschlichkeit ausstrahlen, sind selten." Da sind wir uns sehr einig: Dieser Roman hat seit seinem Erscheinen nichts von seiner Kraft verloren.

P.S.: Für meine 150. Kolumne in der Reihe "Was wir lesen, was wir sehen" bat mich Carla Ihle-Becker von ON um ein absolutes Lieblingsbuch. (Nicht zufälligerweise, es ist auch meins!" ci) Davon gibt es einige, und manche werden Teil des eigenen Lebens – so wie "Vi på Saltkråkan".

Foto: Nicole Dietzel, Dinias

(Jutta Hamberger)+++

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