Ein Luxusdampfer voller Flüchtlinge – S.32/33 aus dem besprochenen Buch - © Knesebeck Verlag

FULDA Was wir lesen, was wir schauen (153)

Sara Dellabella & Alessio Lo Manto, Die Irrfahrt der St. Louis - Die Ungewollten

20.09.26 - Am 13. Mai 1939 legt der Luxusliner St. Louis in Hamburg ab – an Bord sind 937 Passagiere, fast alles jüdische Frauen, Kinder, Männer auf der Flucht vor den Nationalsozialisten. Das Ziel der Reise ist Havanna. In der Heimat haben sie alles aufgeben müssen. Der junge Fritz Buff (1923–2017) schreibt über die Reise: "Mit gemischten Gefühlen nahm jeder einzelne Abschied von Deutschland und schloss gleichzeitig mit seinem bisherigen Leben ab (…), ein Gedanke aber erfüllte all unsere Herzen gleichstark, der Gedanke an die Zukunft."

Die St. Louis beim Auslaufen aus dem Hamburger Hafen © Knesebeck Verlag

Gelöste Stimmung an Bord

Die gelöste Stimmung der Passagiere an Bord – mit gutem Essen, aufmerksamem Service und vielen Ablenkungen – gleicht der einer Urlaubsfahrt. Denn die St. Louis ist ein nobles Passagierschiff mit Salons, Tanzkapelle, Kino und Luxus. Man kann Sport treiben (Tischtennis, Boxen, Schwimmen), Einkäufe tätigen. Zuversicht und Optimismus herrschen unter den Passagieren. Auch auf der St. Louis gibt es eine erste und eine zweite Klasse, aber alle Räume sind allen zugänglich. Der Kapitän hat angeordnet, dass alle Passagiere zuvorkommend und mit Respekt behandelt werden. Die St. Louis ist also wie eine Insel im Meer des nationalsozialistischen Judenhasses. Man kann sich unschwer vorstellen, wie sich das für die Passagiere anfühlen muss.

Die St. Louis in Curaçao © Wikipedia / Anonym - http://hdl.handle.net/1887.1/item:709212, CC BY 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=103920407

Die meisten an Bord wollen von Kuba aus in die USA einreisen. Doch es kommt anders, denn als die St. Louis am 27. Mai Havanna erreicht, verweigern die Behörden fast allen die Einreise. Nur wenige Passagiere dürfen an Land.

Proceed to Hamburg, full speed

Nun beginnt eine nervenzerfetzende Irrfahrt. Der Befehl lautet, auf schnellstem Weg nach Hamburg zurückzukehren. Aber Kapitän Gustav Schröder macht nicht, was das NS-Regime von ihm erwartet. Er sucht einen sicheren Hafen und setzt alles daran, seine Passagiere in Sicherheit zu bringen. Die Aussicht auf eine Rückkehr löst unter ihnen Entsetzen aus. Sie wissen, was ihnen in Deutschland droht: Lager, Zwangsarbeit und Tod. Fritz Buff schreibt in seinem Reisebericht: "Niemand will unsere verzweifelten Rufe erhören und uns ein Domizil gewähren. Kann es denn so schwierig sein, 1000 Menschen unterzubringen? 1000 Menschen, die der Verzweiflung nahe sind?"

Zwei kleine Jungen spielen an Deck der St. Louis © Wikipedia / Autor/-in unbekannt - Flickr / National Archives of Estonia, No restrictions, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=43835954

Auch Schröder weiß, welches Schicksal seinen Passagieren in Deutschland droht. Er zeigt Mut und Menschlichkeit und handelt eigenmächtig. Von Kuba steuert er die St. Louis in Richtung Florida, doch auch dort dürfen die Passagiere nicht an Land. Die amerikanische und die kanadische Regierung fühlen sich nicht für die Menschen an Bord verantwortlich – Schröder erhält ein Nein nach dem anderen. Hilfstelegramme in die Dominikanische Republik und mehrere lateinamerikanische Staaten bleiben erfolglos.

Am 6. Juni muss Kapitän Schröder die Rückfahrt nach Europa mitteilen – mit noch ungeklärtem Zielhafen. Verzweiflung, Wut, Schockstarre und Angst herrschen nun auf dem Schiff. Der Kapitän lässt Rundgänge organisieren, um zu verhindern, dass verzweifelte Passagiere sich das Leben nehmen.

Gustav Schröder, der Kapitän der St. Louis, 1937 © Wikipedia / Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=44226923

"Die Irrfahrt der St. Louis" © Knesebeck Verlag

S. 18/19 aus dem besprochenen Buch © Knesebeck Verlag

Kapitän Schröders Vermächtnis

Schröder lässt sich nicht entmutigen und spielt weiter auf Zeit. Das gibt den jüdischen Hilfsorganisationen Zeit, mit europäischen Regierungen über die Aufnahme der Passagiere zu verhandeln. Schließlich findet sich ein Hafen – Antwerpen. Die St. Louis kommt dort am 17. Juni 1939 an. Die Passagiere werden auf die Länder verteilt, die sie aufnehmen: 181 kommen in die Niederlande, 224 nach Frankreich, 288 nach Großbritannien und 214 nach Belgien.

Kapitän Schröder schreibt nach dem Krieg seine Memoiren, die Geschichte der jüdischen Passagiere der St. Louis habe ihn nie mehr losgelassen: "Niemals möge die Mahnung vergessen werden, die das tragische Schicksal der schwergeprüften Passagiere für die gesamte Menschheit bedeutet: damit sich Grausamkeit und Unmenschlichkeit nie wieder breitmachen können." Kapitän Schröder wird für seinen Einsatz 1957 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet und 1993 postum in Yad Vashem als "Gerechter unter den Völkern" geehrt.

Mehr als zwei Drittel der Passagiere der St. Louis überleben die NS-Zeit und den Zweiten Weltkrieg. Schröders Mut hat dazu entscheidend beigetragen. Doch für viele ist die Zuflucht nur eine Rettung auf Zeit: 254 der nach Europa zurückgekehrten Passagiere werden im Holocaust ermordet.

S. 24/25 aus dem besprochenen Buch © Knesebeck Verlag

S. 51 aus dem besprochenen Buch © Knesebeck Verlag

S. 68/69 aus dem besprochenen Buch © Knesebeck Verlag

Das moralische Versagen der Welt

Die italienische Journalistin Sara Dellabella erzählt gemeinsam mit dem Zeichner Alessio Lo Manto die Geschichte der St. Louis in ihrer Graphic Novel "Die Irrfahrt der St. Louis" in Bildern, die sofort verständlich sind. Die Texte sind reduziert, sie konzentrieren sich auf die Emotionen der Reisenden. Die Erzählung beginnt im November 1938. Die Novemberpogrome sind gerade geschehen – die Angst der Jüdinnen und Juden in Deutschland ist mit Händen greifbar. Sie versuchen verzweifelt, aus Deutschland herauszukommen.

Bilder vor der kubanischen Botschaft, im Pfandhaus, die Gier derer, die sich jüdischen Besitz aneignen, Abschiede von Angehörigen – Dellabella muss nicht viel sagen, wir sehen, wie Juden in Deutschland behandelt werden. Wir sehen den Abschiedsschmerz, das Erstaunen darüber, an Bord gut behandelt zu werden, die Trauer über den Verlust der Heimat und die Unbeschwertheit auf dem Luxusliner.

Sara Dellabella © Knesebeck Verlag/Asanio Pepe

Alessio Lo Mano © Knesebeck Verlag

Gedenktafel an den St. Pauli-Landungsbrücken in Hamburg © Wikipedia / Ajepbah, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=17574391

Foto: Nicole Dietzel, Dinias

Wie in jeder guten Heldengeschichte gibt es aber auch hier einen Bösewicht – den Matrosen Hell, der überzeugter Nationalsozialist und Judenhasser ist. Er besteht auf Hakenkreuzfahnen, zeigt im Kino auch Wochenschauen mit Hitler und Mussolini und wütet darüber, dass Schröder ein Hitlerbild in einem Salon abhängen lässt, damit seine Passagiere dort den Schabbat feiern können. Mehrfach droht er dem Kapitän.

Sara Dellabella erzählt nicht die tatsächlichen Lebensgeschichten der Passagiere nach, sondern erfindet für ihre Figuren eigene Geschichten. Eine Ausnahme unter ihren Figuren ist der junge Sol Messinger, der tatsächlich an Bord der St. Louis war und mit dem es am Ende der Graphic Novel auch ein Zeitzeugeninterview gibt.

Der Fokus von Dellabellas Graphic Novel liegt auf den Passagieren und den extremen Situationen, denen sie ausgesetzt sind. Die Autorin erklärt das nicht aus, sie lässt Lo Mantos Bilder wirken. Und wir verstehen. Zum Vertiefen und Weiterlesen gibt es noch einige Vorworte, in denen die Geschichte dieser Irrfahrt ausführlicher beleuchtet wird.

Heute begehen Juden in aller Welt Jom Kippur – den Versöhnungstag. Das kann uns Anlass dazu sein, darüber nachzudenken, welche Verantwortung wir für Menschen tragen, die bei uns Schutz suchen. Denn die Frage von Fritz Buff lässt einen auch heute nicht los: "Kann es denn so schwierig sein, 1000 Menschen unterzubringen?"

(Jutta Hamberger)+++

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