FULDA Was wir lesen, was wir schauen (155)

Henning Mankell, Der Chinese - Brüchige Gewissheiten

18.10.26 - Mankells Thriller "Der Chinese" beginnt mit einem Schwedenbild, wie es vor allem wir Deutsche lieben – als Ferienidylle und Gegenentwurf. Aber er wäre nicht Mankell, wenn er uns nicht rabiat aus dieser Scandi-Idylle reißen würde. Dass die längst nicht mehr trägt, macht schon der Auftrag des Fotografen Karsten Höglin klar, der eine Dokumentation über Dörfer macht, die auszusterben drohen. So kommt er nach Hesjövallen – und findet dort 19 bestialisch ermordete Dorfbewohner.

Henning Mankell (2011) © Wikipedia / David Shankbone, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=14818377

Ein Blick in die Hölle

Nur drei Menschen haben überlebt, auch alle Haustiere wurden abgeschlachtet. Die Polizei vermutet einen Wahnsinnigen hinter der Tat. Aus ihrer Sicht findet sich erfreulicherweise schnell jemand, der die Tat gesteht und anschließend Selbstmord begeht. Der Fall scheint damit erledigt, obwohl auch bei der Polizei einige Zweifel bleiben.

Die hat auch Birgitta Roslin, Richterin in Helsingborg. Unter den Ermordeten sind nämlich auch die Adoptiveltern ihrer Mutter. Als sie bei ihren Recherchen auf einen ähnlichen Mord an einer Familie in Nevada stößt, deren Name auch unter den Opfern von Hesjövallen auftaucht, glaubt sie nicht mehr an einen Zufall.

Cover Der Chinese © dtv

In alten Familienpapieren stößt Birgitta auf die Tagebücher eines schwedischen Auswanderers, der im 19. Jahrhundert beim Eisenbahnbau in Amerika als Vorarbeiter tätig war. Er beschreibt seine Arbeitswelt, in der es üblich ist, dass Arbeiter gequält, erniedrigt und getötet werden. Der Rassismus liefert die Rechtfertigung dafür. Chinesen und Schwarze betrachtet er als minderwertig, ihre Ausbeutung ist für ihn selbstverständlich, ihre Schicksale interessieren ihn nicht. Die Eisenbahn steht für Fortschritt. In den Aufzeichnungen wird sichtbar, auf wessen Kosten er zustande kommt. Die rassistische Abwertung verbindet sich mit einer Hierarchie, in der stets nach unten getreten wird. Die gilt innerhalb Chinas genauso wie in den USA oder in Schweden – und der kulturelle Firnis ist nur dünn.

Einer der chinesischen Zwangsarbeiter ist San. Er überlebt und kehrt viele Jahre später als erfolgreicher Mann nach China zurück. Auch er schreibt seine Geschichte auf. Damit stehen zwei Tagebuchschreiber einander gegenüber, die – ohne es zu wissen – auch übereinander berichten: der Mann, der Gewalt ausübt, und der Mann, der sie erleidet. Was zur Aufstiegsgeschichte des einen gehört, bedeutet für den anderen Demütigung und Lebensgefahr. Der eine versinkt letztlich im Alkoholismus, dem anderen gelingt der Aufstieg.

Rote Häuser im Winternebel bei Brastad/Lysekil, Schweden © Wikipedia / W.Carter, CC BY 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=161738975

Winterliche Straße in Boliden, Schweden © Unsplash / Kotryna Juskaite

Winternebel in Schweden © Pixabay / Lena Lindell

Festungsanlage Kärnan in Helsingborg © Wikipedia / Instdeadangel, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=94035399

Der "construction train, Bear River. Das Foto wurde während des Baus der Union Pacific ...© Wikipedia / Andrew J. Russell, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=14833788

Chinesische Eisenbahn-Arbeiter in der Sierra Nevada Bancroft Library, University of California, Berkeley, http://www.oac.cdlib.org/ark:/13030/tf3q2nb5qk/?order=1

Tiananmen bei Nacht © Wikipedia / By Charlie fong, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5760826

Diese Dopplung ist der starke erzählerische Kern des Romans. Die Vergangenheit wird aus zwei Blickrichtungen überliefert, und beide Aufzeichnungen gelangen an Nachfahren, die sehr unterschiedlich mit ihnen umgehen. Birgitta will verstehen, was geschehen ist. Sans Nachfahre Ya Ru, ein mächtiger chinesischer Geschäftsmann, versteht die erlittene Erniedrigung als Auftrag, sich für die Ehre seiner Familie zu rächen.

Die Entscheidung trifft jeder für sich selbst

Gerade an Ya Ru zeigt sich die Schärfe von Mankells Fragestellung. Der Nachfahre eines Ausgebeuteten aus einer Familie, die Maos Kulturrevolution überlebt hat, gehört in der Gegenwart des Romans zu denen, die über andere herrschen können. Und Ya Ru übernimmt die Logik des Unrechts: Das Leben anderer zählt nichts, sobald es seinen Zielen im Weg steht. Bei ihm verbindet sich wirtschaftliche Macht mit einem archaischen Verständnis von Familienehre. Die Demütigung des Vorfahren bleibt eine offene Rechnung, die ein Nachfahre zu begleichen hat. Seine Rache trifft wiederum Nachfahren, und so wird in diesem Verständnis Schuld ebenso vererbt wie die Erinnerung an erlittenes Unrecht.

Mankell ist aber alles andere als ein langweilig-linearer Schriftsteller. Ya Rus Schwester Hong nämlich stellt die Vorstellung ihres Bruders infrage. Auch sie kennt die Familiengeschichte, zieht daraus aber andere Konsequenzen. Man kann es altmodisch finden: Während die Männer das Geschehen über weite Strecken durch Herrschaft und Gewalt bestimmen, geben die Frauen einem anderen Ethos Raum, das von Mitgefühl, Gerechtigkeit und der Verantwortung für das eigene Handeln bestimmt ist. Die Grenze der kulturellen Auseinandersetzung verläuft mitten durch die Familie. Und so steht Hong Birgitta in ihrem moralischen Verständnis näher als ihrem eigenen Bruder. Damit löst Mankell auch elegant eine sonst viel zu einfache Setzung auf – dort die Familie der Täter, hier die der Opfer.

Zwei Gesellschaften und ihre Versprechen

Vor allem durch die beiden Frauen blickt Mankell auf zwei sehr unterschiedliche Gesellschaften und konfrontiert diese mit ihrem jeweiligen Selbstbild. In Schweden erodiert die Vorstellung solidarischer Sicherheit. In China verträgt sich der kommunistische Anspruch erstaunlich gut mit Reichtum, Machtkonzentration und rücksichtsloser Gewinnmaximierung. Wann gelten welche moralischen Grenzen – und für wen?

Dass Birgitta in ihrer Jugend überzeugte Maoistin war, gibt dieser Gegenüberstellung eine persönliche Schärfe. Bei einer Reise mit ihrer Freundin, einer Sinologin, begegnet sie einem China, das mit ihren früheren Hoffnungen und ihrem konservierten Chinabild aus Jugendtagen nur noch wenig gemein hat. Zugleich bringt Mankell sie dort auf die Spur des Verbrechens. Vielleicht hat hier Gott Zufall das ein oder andere Mal zu häufig Regie geführt – um der Botschaft willen. Mankell schafft es aber, nicht platt das eine gegen das andere System auszuspielen. Gerade mit den beiden Frauenfiguren macht er klar, dass aus ernüchterter politischer Hoffnung eben nicht abzuleiten ist, dass der Anspruch von vornherein falsch war.

Unerhört spannend

Mankell ist ein großartiger Erzähler, auch in diesem Roman. Nur an einer Stelle geht der moralische Gaul mit ihm durch: bei dem langen Exkurs zu Chinas Afrika-Politik. Der gehört zwar zum Grundthema des Romans, doch die erklärende Rede vor dem Zentralkomitee ist überflüssig. Die Figuren und ihre Geschichten haben das längst anschaulich gemacht.

Mankell führt uns durch anderthalb Jahrhunderte und zwei Familiengeschichten. Wie immer geht es auch in diesem Roman nicht nur um Spannung und die Aufklärung des Verbrechens, sondern um weit darüber hinausreichende Fragen: Wer profitiert vom Fortschritt? Wer trägt die Kosten? Und warum sollte die eigene leidvolle Geschichte davor schützen, anderen Leid zuzufügen? Dass wir darüber nachdenken und zugleich unbedingt wissen wollen, wie es weitergeht, macht die Stärke dieses Romans aus.

(Jutta Hamberger)+++

Was wir lesen, was wir schaun - weitere Artikel











































































































↓↓ alle 106 Artikel anzeigen ↓↓


Über Osthessen News

Kontakt
Impressum
Cookie-Einstellungen anpassen

Apps

Osthessen News IOS
Osthessen News Android
Osthessen Blitzer IOS
Osthessen Blitzer Android

Mediadaten

Werbung
IVW Daten


Service

Blitzer / Verkehrsmeldungen Stellenangebote
Gastro
Mittagstisch
Veranstaltungskalender
Wetter Vorhersage

Social Media

Facebook
Whatsapp
Instagram
TikTok

Nachrichten aus

Fulda
Hersfeld Rotenburg
Main Kinzig
Vogelsberg
Rhön