Das Gastmahl der Familie Mosse. Der jüdische Verleger Rudolf Mosse ließ Familie und Freunde für den Speisesaal seines Palais am Leipziger Platz in historischen Kostümen des 17. Jh. porträtieren. - Foto: Wikipedia / Anton von Werner

FULDA Was wir lesen, was wir schauen (156)

Gabriele Tergit, Effingers: Liebeserklärung an ein untergegangenes Berlin

01.11.26 - Es gibt Bücher, bei denen man sich schon auf der ersten Seite fragt, warum um alles in der Welt man sie nicht längst gelesen hat. Zum Beispiel Gabriele Tergits Roman "Effingers". Der Roman war mir ein Begriff, aber erst die Fernsehserie "Babylon Berlin" gab den letzten Anstoß, ihn endlich zu lesen. Seit Langem hat mich kein Roman sofort derart in Bann gezogen.

Postkarte des Berliner Warenhauses Hermann Tietz in der Leipziger Straße (um 1900). ...Foto: Wikipedia / Von Georg Brunner, Nürnberg

Historische Ansicht des Kaufhauses Wertheim aus dem Jahr 1904. Das Kaufhaus lag am ...Foto: Wikipedia / Waldemar Franz Hermann Titzenthaler

Werner, Gerta und Fritz Salomon um 1910 – eine angesehene jüdische Familie in wilhelminischer ...Foto: Wikipedia / Bernhard Hans Schwerin family archive

Buddenbrooks auf Berlinerisch

Und ich weiß auch, warum – ich liebe diese großen Erzählbögen, die Figuren und Handlung Raum und Zeit lassen. Fast 900 Seiten umfasst der Roman, erzählt von vier Generationen und umspannt siebzig Jahre deutscher Geschichte. Man denkt unwillkürlich und sehr zu Recht an Thomas Manns "Buddenbrooks". Aber wo Mann gravitätisch und im Stil des 19. Jahrhunderts erzählt, ist Tergit reinste 1920er- und 30er-Jahre: frech, direkt, manchmal geradezu respektlos. Bei ihr wird gestritten, geliebt, gelästert, geheiratet und betrogen, werden Vermögen gemacht und wieder verloren. Vor allem wird unglaublich viel geredet. Vergleichbar aber sind die Familienpanoramen mit ihren liebevoll genau beschriebenen Charakteren – und die Dramen von Aufstieg und Untergang.

Tergit entfaltet ein gewaltiges Gesellschaftspanorama, das vom Kaiserreich über den Ersten Weltkrieg und die Weimarer Republik bis zur NS-Diktatur und in die ersten Nachkriegsjahre reicht. Da stehen Fleiß und Disziplin neben Prunksucht und Verschwendung, die Sehnsucht nach der großen romantischen Liebe neben dem Streben nach gesellschaftlicher Anerkennung, Weltflucht neben Revoluzzertum. Und die Vorstellungen davon, was Religion und Tradition bedeuten, könnten unterschiedlicher kaum sein.

Gabriele Tergit. Foto: Schöffling Verlag / Jens Brüning

Cover "Effingers" Foto: Schöffling Verlag

Sportler des Jüdischen Turnvereins "Bar Kochba" (J.T.V.B.K). in Berlin um 1902 – ...Foto: Wikipedia / Von הארכיון הציוני המרכזי - הארכיון הציוני המרכזי

Die Geschichte beginnt 1878 im fiktiven süddeutschen Kleinstädtchen Kragsheim. Hier lebt die strenggläubige jüdische Uhrmacherfamilie Effinger, deren Söhne Karl und Paul in Berlin ihr Glück als Unternehmer versuchen, Bruder Benno ist nach London gegangen und nennt sich fortan Ben. In Berlin treffen die Effinger-Söhne auf die reichen Bankiersfamilien Oppner und Goldschmidt. Unterschiedlicher könnten diese Familien kaum sein: Hier die bescheidenen, traditionsbewussten Handwerker, dort das mondäne Großbürgertum mit seinen prachtvollen Häusern, seinen Kunstsammlungen und Salons. Kragsheim steckt in einer längst vergangenen Zeit fest, während sich Berlin unter dem Einfluss von technischen, industriellen und politischen Neuerungen immer schneller zu drehen scheint.

Ein Roman wie ein Film

Das Besondere an "Effingers" ist die Art, wie Tergit erzählt. Die 151 meist kurzen Kapitel folgen oft ohne Überleitung aufeinander. Ein Szenenwechsel nach dem anderen, wie im Kino. Man denkt an die Filme von Fritz Lang, Ernst Lubitsch oder Friedrich Wilhelm Murnau, in denen die Großstadt in ihren vielen Facetten eine Hauptrolle spielt. Die Literatur und Kunst der Neuen Sachlichkeit, der Rhythmus Berlins – all das blitzt auf jeder Seite auf. Tergits Sprache ist bildhaft und anschaulich, ihre Dialoge sind kleine Meisterwerke. Die Menschen reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist, und dabei verraten sie mehr über sich, als ihnen manchmal lieb sein dürfte.

Gedenktafel für Gabriele Tergit am Haus Siegmunds Hof 21 im Berliner Hansa-Viertel ...Foto: Wikipedia / OTFW, Berlin, CC BY-SA 3.0

Die 1904 erbaute Synagoge in der Rykestraße (Berlin / Prenzlauer Berg). Wegen ihrer ...Foto: Wikipedia / Mazbln, CC BY-SA 3.0,

Das Konfektionshaus Herrmann Gerson in Berlin um 1850. Zeitgenossen galt es als das ...Foto: Wikipedia / Wilhelm Loeillot de Mars - Landesdenkmalamt Berlin

Einen allwissenden Erzähler, der alles erklärt, kommentiert und einordnet, gibt es nicht. Wir als Leserinnen und Leser müssen immer selbst herausfinden, wer wo gerade spricht und wie die Dinge zusammenhängen. Ein besonders schönes Beispiel dafür ist Kapitel 25 "Frühling", in dem ganz unterschiedliche Menschen in ihren jeweiligen Lebenswelten denselben Märztag des Jahres 1887 erleben. Da wird spazieren gegangen, flaniert und sich gezeigt, vornehm gegessen, ein Straßenmädchen besucht. Tergit montiert diese Szenen zum faszinierenden Bild der Gesellschaft jener Zeit. Das wirkt heute noch verblüffend modern.

Aber wenn ein Mädchen das nicht will?

Besonders am Herzen liegen Tergit ihre Frauenfiguren. Nicht nur die Frauen aus den jüdischen Familien wie Annette, Klara, Sofie, Selma, Eugenie, Marianne und Lotte, sondern auch ein Straßenmädchen wie Wanda, deren Leben unglaublich hart ist und die vom Glück nicht einmal träumen kann, da schon ein auskömmliches Leben unerreichbar fern ist.

Die Neue Synagoge in Berlin wurde 1866 eingeweiht. Unverkennbar ist ihr orientalisierender ...Foto: Wikipedia / Andreas Praefcke, CC BY 3.0

Das Bankhaus Mendelssohn & Co in der Jägerstr. 49-40, Berlin. Foto: Wikipedia / Beek100, CC BY-SA 3.0

istorische Ansicht des Kaufhauses Wertheim aus dem Jahr 1904. Das Kaufhaus lag am Leipziger ...

Besser, aber nicht gut geht es der Sängerin Susanna Widerklee, die zwar als Künstlerin Anerkennung findet, genau deshalb aber in der feinen wilhelminischen Gesellschaft niemals reüssieren kann. Außer bei den Herren, von denen sie sehr bewundert wird. Sie hat Liebschaften, sofern sie der Karriere helfen. Als sie sich endlich einen ältlichen, aber adeligen Ehemann geangelt hat, ist ihr Lebensunterhalt gesichert, aber natürlich verlangt der Status der Ehefrau den Rückzug von der Bühne.

Amalie kommt aus gutem Haus, dann aber machte der Vater Bankrott – das Ende ihres Lebens in der feinen Gesellschaft. Amalie weiß, sie wird nie eine gute Partie machen, träumt aber davon, dass endlich ein Mann kommt und sie "rettet". Sie bessert ihren Lebensunterhalt durch Nähen und Klavierstunden auf. Die Bigotterie der Zeit, gerade im Hinblick auf Frauen, zeigt sich in diesem Dialog zwischen Amalie Mayer und Paul Effinger:

"Sie haben es nicht leicht, Fräulein Mayer", sagte Paul.

"Nein, nein, aber ich verdiene doch."

"Das ist schwer für ein junges Mädchen. Neulich hat sich bei mir ein junges Mädchen gemeldet für Briefkopieren. Aber junge Mädchen ins Büro taugt nichts. Die Frau ist zu Hause am besten dran."

"Aber wenn sie niemanden hat, der ihr ein Haus bietet?"

"Das ist dann freilich entsetzlich. Aber meistens werden doch die weiblichen Wesen in der Familie gebraucht. Da ist ein Kind großzuziehen, eine Kranke zu pflegen."

"Aber wenn das ein Mädchen nicht will?"

"Dann ist sie überspannt."

Allen Frauen gemeinsam ist, dass ihr Leben von gesellschaftlichen Konventionen eingeengt wird. Die aus der vornehmen Gesellschaft sollen heiraten, möglichst standesgemäß und reich, und ansonsten wenig Ansprüche stellen. Die andern sind zum Schuften in den herrschaftlichen Villen und Fabriken oder für die frivolen Erlebnisse der Herren da. Doch die Zeiten ändern sich, und mit ihnen die Vorstellungen davon, wie Frauen leben wollen. Tergit zeigt diese Konflikte ohne erhobenen Zeigefinger, mit scharfem Blick, viel Witz und manchmal bitterer Ironie.

Eingangshalle im KaDeWe mit der Treppe aus gelbfarbenem australischen Moaholz (1907). ...Wikipedia / Archive of the KaDeWe, Antonia Meiners: 100 Jahre KaDeWe. Nicolai, Berlin 2007, ISBN 3-89479-386-4, p. 39

Repräsentatives Familienbild des Berliner Kaufmanns Herman Salomon und seiner ...Foto: Wikipedia

Das von Adolf Jandorf gegründete Kaufhaus des Westens KaDeWe um 1907. Es war das siebte ...Foto: Wikipedia / Archive of the KaDeWe, Antonia Meiners: 100 Jahre KaDeWe. Nicolai, Berlin 2007, ISBN 3-89479-386-4, p. 38

Verlorene Heimat

Die Jüdin und kritische Journalistin Gabriele Tergit (1894–1982) floh 1933 aus Deutschland. Über die Tschechoslowakei und Palästina gelangte sie 1938 nach London. An "Effingers" arbeitete sie fast zwanzig Jahre. Der Roman ist ihre Liebeserklärung an jene Berliner Welt, die ihre Heimat gewesen war.

Sie wollte ihren Roman übrigens nicht als Geschichte jüdischer Familien verstanden wissen. Es sei ein Berliner Roman, in dem sehr viele Menschen Juden seien, schrieb sie an Verleger Ernst Rowohlt. Das ist ein wenig Koketterie, denn natürlich erzählt sie von jüdischen Familien, vor allem aber erzählt sie von Menschen, die sich als selbstverständlicher Teil der deutschen Gesellschaft verstanden – bis ihnen dieses Selbstverständnis brutal genommen wurde.

Warum wollte das niemand lesen?

1951 erschien "Effingers" endlich, doch der Erfolg blieb aus. Wollte man im Deutschland der Nachkriegszeit nichts über das Leben jener jüdischen Familien lesen, die man wenige Jahre zuvor vertrieben und ermordet hatte? War man zu sehr damit beschäftigt, zu verdrängen und sich aufs Wirtschaftswunder zu konzentrieren? Es liegt zumindest nahe, das zu vermuten. 2019 erschien "Effingers" erneut. Was für ein Glück! Denn Tergit hat nicht nur ein literarisches Denkmal für eine untergegangene Welt geschaffen. Mit ihr tauchen wir ins Leben dieser Menschen ein. Wir hören ihnen beim Reden und Streiten zu, erleben ihre Liebschaften, ihre Eitelkeiten, ihre Narreteien, ihre Fehlurteile, ihre Hoffnungen und Enttäuschungen.

Anzeige der Firma Orenstein & Koppel in der Zeitschrift "Der Bautechniker" aus dem ...Foto: Wikipedia

Geplünderte Jüdische Geschäfte nach den Novemberpogromen 1938 Foto: Wikipedia / Karl H. Paulmann. Jean-Pierre Dalbéra from Paris, France – Le Mémorial aux juifs assassinés d'Europe (Berlin

Foto: Nicole Dietzel, Dinias

Lesen wir "Effingers" heute, wissen wir, was ab 1933 in Deutschland geschah. Das fügt dem Roman eine erschütternde Dimension zu: Er lässt uns erleben, wie ungeheuer lebendig, vielfältig und spannend die Welt war, die der Nationalsozialismus zerstörte. Und wie viel Deutschland damit von sich selbst verlor.

Hinweis zu den Bildern: Die für diese Kolumne gewählten Bilder zeigen nicht das Leben der fiktiven Familie Effinger, sondern geben einen Eindruck in die großbürgerliche jüdische Welt der wilhelminischen Zeit in Berlin – mit ihren Salons, ihrem Kunstsinn, den großen Warenhäusern, den Unternehmen, den Synagogen – bis hin zur Ausgrenzung, Vertreibung und Vernichtung der europäischen Juden durch den NS-Staat. (Jutta Hamberger)+++

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