Indian Summer lässt die Blätter fallen. - Foto: frau_katze bei Pixabay

REGION Echt jetzt! (127)

Herbst der Nebelkerzen - Bemerkungen von Rainer M. Gefeller

18.09.26 - Guck an, wir sind dem Hitzekoller entronnen. Sind Sie bereit für das, was jetzt auf uns lauert? Gummistiefel, Kürbissuppe, Pullover. Aus der Sonnenschutztube sind sowieso längst die letzten Reste rausgepresst. Beim Wein: Rot statt Weiß. Kloß mit Soß statt in Essig gebadetem Salat. Kaum weht ein erfrischendes Lüftchen, da riecht die gesamte Bude schon wieder nach Tee. Tee! Ist das nicht diese erhitzte Scheußlichkeit, die man uns gegen Krankheiten aller Art aufschwätzen will? Wir müssen uns entscheiden, was das Jahr uns jetzt bieten soll: Goldenen Oktober oder Herbst des Lebens? Erstmal aber steigt die Vorfreude: In zwei Wochen dürfen wir wieder den Tag der deutschen Einheit feiern. Juchhu, da sind wir dabei. Oder? Kann natürlich sein, dass alles im Nebel versinkt. Genau wie diese kleine Herbst-Geschichte.

Der Sommer ist weg, die Mücken sind weg, viele Biergärten auch. Da wir nicht mehr dazu verdammt sind, im Freien herumzulungern, haben wir Muße, uns wichtigen philosophischen Fragestellungen zuzuwenden. Zum Beispiel: Darf man einen Sundowner trinken, wenn die Sonne gar nicht geschienen hat? Außerdem: Kann man im Nebel stochern, wenn gar keiner da ist? Hören wir zur Einstimmung erstmal Simon & Garfunkel zu, die die dunkle Jahreszeit als Freund begrüßen: "Hello, Darkness, my old Friend." Die Schweizer Tourismuswerbung jubelte unlängst, dass der Oktober in den Alpen der reisestärkste Monat geworden sei. Die Franzosen meldeten, dass die Einheimischen in den Sommerferien der kühleren Bretagne den Vorzug geben vor der Cote d’Azur. Der Sonnenbrand-Sommer hat echt ein Image-Problem. Wo sollten wir denn auch Erfrischung suchen, wenn die Badeseen vertrocknen?

Bemerkungen von Rainer M. Gefeller. Archivfoto: O|N

Im Herbst, hat man uns nahegelegt, sollen wir uns wieder verstärkt um unser Innenleben kümmern. Warum eigentlich? Da ist doch nichts los. Wann haben Sie eigentlich zuletzt ihre Hirnzellen mit einem echten Gedicht gefüttert? Das soll ja ein Festmahl für den Geist sein, gönnen wir uns mal ein Häppchen. Erste Strophe von Hermann Hesses berühmtem Reimwerk "Im Nebel", aufgeschrieben 1905:
Seltsam, im Nebel zu wandern!
Einsam ist jeder Busch und Stein,
Kein Baum sieht den andern,
Jeder ist allein.

Im Fuldaer Wald. Fotoserie (17): Annemaria Gefeller

Herbst-Kitsch: Indian Summer in Nordamerika. Foto: Gerd Altmann bei Pixabay

Kastanien-Mann.

Wir fahren einen Hügel abwärts und huuu – wir sehen, dass wir nichts sehen. Das sind nicht diese geheimnisvollen Nebelschwaden, die von einem Windchen hin und hergeweht werden. Sondern: Kein Baum, kein Strauch, kein... Wo ist denn eigentlich dieser quietschgrüne Kia, der eben noch knapp vor uns dahinrollte? Futsch! In Nebel aufgelöst. Liegt er etwa schon im Straßengraben? Was knackt und schabt da? Ach so, der Scheibenwischer nimmt seine Arbeit auf. Schön, dass der auch noch da ist – obwohl er gar nichts ausrichten kann. Versuchen Sie’s gar nicht erst, den Kopf aus dem Seitenfenster zu recken; da sieht man auch nichts. Nachher rammt unser Schädel noch ein Verkehrsschild auf der linken Straßenseite. Soll schon vorgekommen sein. Das Statistische Bundesamt weiß: Im jährlichen Durchschnitt ereignen sich 433 schwere Nebelunfälle, meistens im Herbst. Meistens auf Landstraßen. Meistens, weil die Fahrerinnen oder Fahrer nicht wussten, wie man den Fuß vom Gaspedal löst. Ach Mensch, sollten wir nicht allmählich die Nebelscheinwerfer einschalten? Wissen Sie noch, wo der Schalter ist? Aber schau: Da vorne leuchtet was. Der erlösende Schein von Rückleuchten, und dann wird’s auch wieder quietschgrün. Hurra, wir leben noch!

Kreuzberg und Schwarze Berge im Spätherbst. Foto: auf Wikimedia. Jörg Braukmann, Kreuzberg (Rhön) im Nebelmeer, CC BY-SA 4.0

Nebel-Wolke in der Rhön.

Pilz-Zeit.

Nebel ist eigentlich nur zusammengepresstes Wasser, das sich in Wolken über das Land legt. Am liebsten im Herbst – aber am frühen Sommermorgen quillt das gespensterhafte Gebilde auch schon mal aus unseren Bächen und Flüssen. Überm Aueweiher in Fulda wabert der Wasserdampf, dass die Ente ihre Nachbarin aus dem Blick verliert. Das Gequäke klingt, als hätte man unseren Wasservögeln Coronamasken übergestülpt. Und was ist mit der Sonne los? Hin und wieder darf sie ein wenig durchblitzen, aber sofort schließt sich die Gardine wieder. Da stehen wir halt im Nebel und stochern drin herum. Machen wir ja sonst auch oft. Am häufigsten verliert man auf dem Gipfel des Brocken im Harz den Durchblick: Dort registrieren die Meteorologen regelmäßig an über 300 Tagen im Jahr Nebel. 1958 kam der abweisende Gipfel sogar auf 330 Nebeltage. Oben Sonne, unten Suppe: Das gilt für unsere Wasserkuppe, an ungefähr 250 Tagen im Jahr. In der Rhön kann man sogar Wanderungen durch das mystische Nebelland unternehmen. Am besten mit Führung. Damit man wieder rausfindet.

Liegt Ihre warme Wolldecke schon auf dem Ohrensessel? So kann man eine würdevolle Haltung einnehmen und sich’s zugleich gemütlich machen. Wir ahnen, was am 3. Oktober wieder auf uns zuschmilzt, wenn Landräte, Bürgermeister, Abgeordnete, Präsident und Kanzler den größten Feiertag der Deutschen zelebrieren. Gönnen wir uns dazu mal ein paar Fragen: Warum müssen diese Reden eigentlich immer derart weihevoll klingen? Was gibt es in diesem Herbst überhaupt zu feiern? Wird irgendjemand erwähnen, dass vielen "Wessis" die Verwandtschaft aus den östlichen Bundesländern nicht mehr ganz geheuer ist? Vielen "Ossis" ist schon länger jedes Verständnis für uns abhandengekommen. Wird mal wer darauf hinweisen, dass wir zwar vereinigt, aber ansonsten bei allerlei Themen uneins sind? Wird uns mal jemand erklären, wieso 576.000 AfD-Wähler in dem Schrumpf-Land Sachsen-Anhalt unsere gesamte deutsche Politik-Szene in eine absurde Untergangs-Stimmung versetzen konnten? Die dortigen Rechtswähler repräsentieren nicht einmal ein Prozent der über 60 Millionen Wahlberechtigten in unserer Republik. Übermorgen wird erneut gewählt. In Berlin irgendwas anderes als sonstwo in Deutschland, für Mecklenburg-Vorpommern haben die Polit-Fachleute für 18 Uhr bereits ihre Nebelkerzen bereitgelegt. Da wir’s gerade mit dem Herbst haben: Wetten, dass irgendjemand die Brandmauer zu einer Nebelwand erklären wird? Darin kann man doch vieles verstecken.

Schafherde am Kreuzberg.

Schafherde am Arnsberg.

Fuldaer Aueweiher.

Sind Sie bereit, noch was Poetisches zu verdauen? Probieren Sie’s doch einfach mal:
Der Nebel steigt, es fällt das Laub;
Schenk ein den Wein, den holden!
Wir wollen uns den grauen Tag
Vergolden, ja vergolden!
Und geht es draußen noch so toll,
Unchristlich oder christlich,
Ist doch die Welt, die schöne Welt,
So gänzlich unverwüstlich.

Fulda-Aue im Nebel.

Herbst am Rennsteig.

Herbstspaziergang.

Da hat uns der Theodor Storm einen großartigen Weg aufgezeichnet: Gar nicht erst dem Herbst-Blues hingeben, sondern eine Flasche öffnen und den "September-Reset" in Angriff nehmen. Zu einem solchen Neustart rät auch ein Psychotherapeut namens Wolfgang Krüger. Die "melancholische Jahreszeit" komme gerade recht, "um über unser Leben nachzudenken und die Zukunft zu entwerfen". Wie hat doch der wilde Denker Wolfgang Neuss schon erzählt: "Heut" mach ich mir kein Abendbrot – heut" mach" ich mir Gedanken." Lesen, Schreiben, Häkeln, Stricken, Pilze sammeln, jeden Tag einen Apfel futtern, Spielen, Wandern – das raten uns unsere Gemüts-Therapeuten. Drachen steigen lassen. Aus Kastanien und Eicheln knubbelige Figuren basteln. Ja, was glauben die denn, was wir den ganzen Tag über machen?

Himmelstheater.

Kämmerzell total vernebelt.

Wie riecht der Herbst? Nach Torf, sagen manche. Nach Äpfeln. Modrig – weil die abgeworfenen Blätter in den Schlammboden getrampelt werden. Nach "Apfelzimt-Duftkerze". Ein paar ganz Schlaue antworten: nach Abschied. Hallo, hallo, ihr Klug-Schelme: Menschen fallen nicht wie Blätter von den Bäumen, wenn’s soweit ist. Der Herbst-Monat November hat zwar einen miserablen Ruf, ist aber keineswegs die Sterbezeit des Jahres. Laut Statistischem Bundesamt hat der Februar die höchste Sterberate, gefolgt von Januar und März. Gut, dass wir das alle wissen, da kann man die bunte Herbst-Herrlichkeit doch gleich viel gelassener genießen. Wieso sind die Blätter eigentlich plötzlich bunt? Weil sich das grüne Chlorophyll davonmacht – freie Fahrt für Gelb, Rot und Orange. Nur der Indian Summer in Nordamerika treibt es noch bunter. Weil in Kanada und im Norden der USA die Vielfalt der heimischen Bäume und Sträucher sehr viel größer ist als bei uns. Wenn der erste Frost in Rotahorn und Zuckerahorn, Amberbaum und Lebkuchenbaum gefahren ist, kommt es zum Farbenrausch des "Indianer-Sommers". "Der Indian Summer", hat die amerikanische Psychologin Mary C. Jones uns offenbart, "ist die Seele des toten Sommers".

Für uns Astronomen ist der Herbst am 21. Dezember, 21:30 Uhr, schon wieder vorbei: Winteranfang. Dann sind es noch drei Tage bis Heiligabend. Falls es draußen neblig sein sollte: Macht nichts. Sie haben ja wohl hoffentlich ein paar Kerzen gebunkert. Für die Gemütlichkeit, Besinnlichkeit und die Einkehr in Ihre ganz persönliche innere Gaststube. Gönnen wir uns zur Einstimmung schon jetzt eine intellektuelle Übung: Lesen Sie das Wort Leben rückwärts. Haben Sie’s? Vielleicht ist das der Grund, weshalb wir manchmal nicht durchblicken.

Herbstspaziergang.

Nebel in der Rhön bei Sonnenaufgang. Foto bei Wikimedia Creichart, Rhön Nebel 2, CC BY-SA 4.0

Die jetzige Jahreszeit ist ein Fest für Musiker. Rock, Blues, Klassik – sie alle spielen auf zur Herbst-Party. Oder baden uns in angenehmer Melancholie.

Simon & Garfunkel, Sound of Silence: https://www.youtube.com/watch?v=NAEppFUWLfc

Sting und Zucchero, September: https://www.youtube.com/watchv=RmUB17tHncg&list=RDRmUB17tHncg&start_radio=1

Van Morrison, Meet Me in the Indian Summer: https://www.youtube.com/watchv=DJVjQwAHf20&list=RDDJVjQwAHf20&start_radio=1

Earth, Wind & Fire, September: https://www.youtube.com/watchv=Gs069dndIYk&list=RDGs069dndIYk&start_radio=1

The Neighbourhood, Sweater Weather: https://www.youtube.com/watch?v=GCdwKhTtNNw

Neil Diamond, September Morn: https://www.youtube.com/watchv=roW_MEX9o1Q&list=RDroW_MEX9o1Q&start_radio=1

Lana Del Rey, Season Of The Witch: https://www.youtube.com/watch?v=UParmrBJ0no

The Kinks, Autumn Almanac: https://www.youtube.com/watch?v=p_u0gn1I8xQ&list=RDp_u0gn1I8xQ&start_radio=1

John Coltrane, Autumn Serenade: https://www.youtube.com/watchv=BlOl7gNS1Dk&list=RDBlOl7gNS1Dk&start_radio=1

Rio Reiser, Herbst: https://www.youtube.com/watch?v=a6Zoe-mdHrE&list=RDa6Zoe-mdHrE&start_radio=1

The Moody Blues, Forever Autumn: https://www.youtube.com/watchv=77rinB5pYqA&list=RD77rinB5pYqA&start_radio=1

Antonio Vivaldi, Herbst aus den Vierjahreszeiten, Academy of St. Martin in the Fields mit Julia Fischer an der Violine: https://www.youtube.com/watch?v=H7hGiZ579cs&list=RDH7hGiZ579cs&start_radio=1

Eva Cassidy, Autumn Leaves: https://www.youtube.com/watch?v=xXBNlApwh0c&list=RDxXBNlApwh0c&start_radio=1

Franz Schubert, Herbst – mit Dietrich Fischer-Dieskau und Gerald Moore (Piano): https://www.youtube.com/watch?v=1oJWk3DschM&list=RD1oJWk3DschM&start_radio=1

The Cure, The Last Day of Summer: https://www.youtube.com/watch?v=98kPLmu-XJA&list=RD98kPLmu-XJA&start_radio=1

Amy Winehouse, October Song: https://www.youtube.com/watchv=eh1KywlmyPo&list=RDeh1KywlmyPo&start_radio=

(Rainer M. Gefeller) +++

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