26.12.25 - Frohe Weihnachten! Vielleicht haben Sie sich bereits ein wenig von den Festtagen entfernt, aber noch ist’s nicht vorbei. Noch herrscht Klingelingeling. Da haben Sie doch gewiss ein paar Minuten übrig, um über Ihr Weihnachts-Lieblingstier zu sinnieren. Nein, hören Sie auf; Sie müssen doch allmählich satt sein. Wir reden hier nicht über Karpfen, Gänse oder Puten; die geplagten Kreaturen mögen uns unsere Gefräßigkeit verzeihen. Nein, für uns kann’s nur einen Mister Christmas geben: Rudolph, das magische, geschundene, liebenswerte Rentier. Aber seien Sie auf der Hut. Was ist, wenn Rudolph gar kein Kerl ist? Muss dann die gesamte Weihnachtsgeschichte neu geschrieben werden?

Bemerkungen von Rainer M. Gefeller.
Foto: ON Archiv
"Joulupukki". So nennen die Finnen den Weihnachtsmann. Das klingt lustiger, als das Nordland-Volk in Wahrheit sein mag. Der grundgütige Mann mit dem weißen Bart hat in der Vorstellung der Finnen zusammen mit der fidelen Rentier-Bande seine Heimat auf dem Korvonturi, dem mysteriösen "Ohrenberg" in Lappland. Aber dort ist der Held aller christlich orientierten Kinder nicht sicher. Denn der 486 Meter hohe Korvonturi liegt mitten auf dem Grenzstreifen zwischen Finnland und Russland. Die Finnen haben den Russen schon misstraut, als wir sie noch für ewige Geschäftsfreunde hielten. 1985 bereits haben sie ihren Joulupukki ins 175 Kilometer entfernte Rovaniemi verfrachtet. Da kann er ganzjährig besucht werden, der Berg des Heimat-Vertriebenen dagegen ist militärisches Sperrgebiet.
Rentiere sind Verwandte der Hirsche (Cervidiae), aber irgendwie sind sie aus der Art geschlagen. Unser Lieblings-Tierforscher Alfred Brehm wusste schon frühzeitig, wie wichtig das Ren für uns ist: "Ganze Völker danken ihm Leben und Bestehen; denn sie würden ohne dieses sonderbare Haustier aufhören, zu sein. Dem Lappen und Finnen ist das Ren weit notwendiger als uns das Rind oder das Pferd, als dem Araber das Kamel oder seine Ziegenherden; denn es muss die Dienste fast aller übrigen Herdentiere leisten. Das zahme Rentier gibt Fleisch und Fell, Knochen und Sehnen her, um seinen Zwingherrn zu kleiden und zu ernähren; es liefert Milch, lässt sich als Lasttier benutzen und schleppt auf dem leichten Schlitten die Familie und ihre Gerätschaften von einem Ort zum anderen; mit einem Worte: das Rentier ermöglicht das Wanderleben der nördlichen Völkerschaften." Im Tierliebhaber Brehm wird der Freiheitskämpfer wach: "Ich kenne kein zweites Tier, in welchem sich die Last der Knechtschaft, der Fluch der Sklaverei" derart austobe. Das zahme Rentier sei "ein trauriger Sklave seines armen, traurigen Herrn". Das wilde Rentier hingegen sei "ein stolzer Beherrscher des Hochgebirges". Kann es sein, dass der allwissende Tierforscher doch nicht alles gewusst hat? Der gebürtige Kasseler Uwe Kunze jedenfalls, den manche den Rentier-Flüsterer nennen, widerspricht dem Altmeister energisch: "Die Rentiere der Samen sind keine Haustiere!" Nur zweimal im Jahr tun sich Mensch und Tier zusammen, um auf eine lange Wanderschaft zu gehen, "wie die Kraniche beim Vogelzug". Bis zu 140.000 Samen ("Sumpfleute") leben noch vor allem im Norden Skandinaviens, die meisten von ihnen in Norwegen. Kunze und seine Frau Brigitte sind Kämpfer für den Erhalt der samischen Kultur.

Im Rentier-Dorf an der Sababurg

Uwe Kunze, der „Rentier-Flüsterer“
Ob wild oder gezähmt – Rentiere sind seltsam urtümliche Geschöpfe. Im Unterschied zu den übrigen Geweih-Rassen tragen bei ihnen auch die Frauen Hörner auf dem Kopf. Die vom Mann sind natürlich mächtiger. Er: bis zu eineinhalb Meter lang. Sie: 50 Zentimeter. Rentiere tragen ihr Haar ultralang, von der Nase bis zu den Hufen. Die Nasenhaare überziehen den gesamten Riech-Knubbel. In der Nase sitzt ein recht komplexes Heizgerät, dessen Knochen die arktische Luft erwärmen, bevor sie sie zu den Lungen durchlassen. Wollen Sie noch mehr wissen? Rentiere wechseln ihre Augenfarbe mit den Jahreszeiten. Hinter der Netzhaut haben sie eine reflektierende Schicht, die "Tapetum Lucidum" genannt wird. Im Sommer leuchten die Augen goldfarben, im Winter in einem dunklen Blau. Ganz schön bunt, so ein Rentier-Leben. Dafür ist ihre Kulinarik an Eintönigkeit nicht zu überbieten. Gras, Gras, Gras. Und im Winter scharrt man sich unterm Schnee noch ein paar kümmerliche Flechten und Moose zusammen. Dafür können unsere Wunder-Kreaturen Dinge, die wir nicht können. Zum Beispiel gleichzeitig futtern und schlafen. Kein Witz! Die Schweizer haben’s rausgefunden, mit Hilfe von EEG-Untersuchungen. Während des Kauens haben die Rennies ihre Gehirnwellen derart ruhiggestellt, dass ihr Zustand unserer ruhigen Schlafphase ähnelt. Wenn sie wieder wach werden, ist auch die Verdauung weit vorangeschritten.
Wie ist dieses großartige Tier bloß derart unter die Kufen geraten, dass es nur noch als Geschenke-Lieferant wahrgenommen wird? Die "Welt" belustigte sich Anno 2008 über das "eher dümmliche Gesicht", mit dem das Ren uns anglotzt. Wieso steht das Nordland-Tier für Weihnachten wie der Hase für Ostern?
Jedes Jahr im Advent pilgern Kinder und Erwachsene zum "Trinity Friedhof" in New York, um im Fackelschein ein 200 Jahre altes Gedicht vorzutragen, am Grab eines gewissen Clement Clarke Moore. "Als der Nikolaus kam", heißt das Reimwerk dieses ansonsten unauffälligen Poeten. "Es war die Weihnachts-Nacht, als etwas nie Gesehenes über die Straße trappelte und durch die Luft schwebte, ein winziger Schlitten, von acht ebenfalls winzigen Rentieren gezogen", "schneller als ein Adler". Am Steuer: "der Sankt Nico". Auf der Ladefläche: stapelweise Geschenke. Rein in den Schornstein, Ladung abliefern und schnell wieder weg. Mit diesem Werk, 1823 am Tag vor Heiligabend veröffentlicht im Troy Sentinel, gehörten die Rentiere plötzlich in die Weihnachts-Geschichte, als wären sie schon immer drin gewesen. 1939 hatte der rotnasige Rudolf in einem Kinder-Malbuch seinen ersten Auftritt als Gefährte des Weißbärtigen. Der hieß inzwischen nicht mehr Nikolaus sondern "Sante Claus". So wurde binnen weniger Jahrzehnte die Weihnachts-Geschichte neu erdichtet. 1949 wurde das Kinder-Rührstück von Gene Autry zum Hit hochgesungen: "Rudolph the Red-Nosed Reindeer". Unter den meistverkauften Weihnachtsongs in Amerika auf Platz 2, hinter "White Christmas".
Wilhelm IV von Hessen Kassel (1532 bis 1592) war ein Landesherr, den man vermutlich zu Recht "der Weise" nannte. Er förderte die Naturwissenschaften und war vor allem ein hellsichtiger Astronom. Bei erdgebundenen Aktivitäten fehlte es ihm aber schon mal an Durchblick. Vor über 450 Jahren verspürte der Herr über Kassel den dringenden Wunsch, sein Tiergehege gleich neben der Sababurg möge doch Heimat für ein paar Rentiere sein. Daraufhin wurde ein komplettes Rudel quer durch Skandinavien getrieben, auf Schiffe verfrachtet und über Weser und Wanderwege nach Nordhessen geleitet. Mit dabei: eine "Lappenfrau", die sich um die Tiere kümmern musste. Die Zwangsumsiedlung von Frau und Herde war eine kaum beachtete Tragödie des 16. Jahrhunderts. Alle Tiere verendeten, der Reinhardswald war einfach nicht arktisch genug. Und die Sämin überlebte das hiesige Lulalü-Klima auch nicht lange. Manche vermuten: Sie brachte sich um.
Neue Zeit, neuer Versuch. Uwe Kunze, ein Kämpfer für das bedrängte Nomadenvolk, hat am Rand des Tierparks ein detailgetreues Samen-Camp namens "Björkträsk" aufgebaut. Rentiere inklusive. "Echtes Nordlandfeeling" kann man, einen Tagesausflug weg von Osthessen, hier erleben, winterliche Schlittenfahrt inklusive. Den Rentieren soll’s in der fremden Heimat dem Vernehmen nach gut gehen. Und Kunze ist ein begeisternder Erzähler: über die Samen. Über ihre Kultur und deren Bedrohungen. Und über ihre Beziehung zu den Rentieren.

Schlittenfahrt mit Chefin.

Steuereintreiber bei den Samen. Ölgemälde, 17. oder 18. Jahrhundert. Foto: Wikimedia

Wappen mit Rentier der norwegischen Stadt Tromso. Foto: Wikimedia
Ab September wollen die Böcke nur noch das eine; sie wissen schon. Das Geweih ist jetzt noch mächtiger als im Jahr zuvor, und die Uhr tickt: Noch im Herbst wird das Waffenarsenal wieder abgeworfen. Also brüllen die Hirsche herum, um erstmal die Nebenbuhler abzuschrecken. Brehm schreibt: "Die wackeren Streiter verschlingen sich oft mit ihren Geweihen und bleiben manchmal stundenlang aneinandergefesselt." Das ist blöd, denn schwups machen sich schwächere aber listige Böcklein, die ansonsten gar keine Chance hätten gegen die keuchenden Kraftprotze, an den Weibchen zu schaffen. Egal, wer am Ende seiner Vermehrungsaufgabe gerecht werden darf: Frau Ren gebiert nach acht Monaten ein Kalb, das bereits nach einer Stunde hinter Mutti herstolpert.
Das Ren lebt auf großem Fuß. Damit läuft sich’s recht elegant sowohl über den schlammigen Grund im Sommer als auch über den aufgetürmten Schnee. Krallen geben im Morast ebenso Halt wie auf zugefrorenem Boden. Auf ihren alljährlichen Wanderungen bahnen sich die Herden ihren Weg über steile Gipfel, durch Morast und sogar Sümpfe, schwimmen durch Flüsse. Der Sibirienforscher Ferdinand von Wrangel beschrieb, dass die Ren-Herden ab März in die moosbedeckten Ebenen ziehen. Weil’s dort reichlich Futter gibt. Vor allem aber, um vor Fliegen und Mücken zu flüchten, die "in ungeheuren Schwärmen die Luft verfinstern". Kein Zweifel: Rentiere sind Migranten, immer unterwegs. Manche Herden schaffen 5.000 Kilometer in einer Saison. Sie marschieren durch die Nordländer Amerikas, Europas und Asiens und sogar über die arktischen Inseln Spitzbergen und Grönland. Die größte Zusammenrottung der Lauftiere war noch in den achtziger Jahren die George-River-Herde im östlichen Kanada: 900.000 Tiere stark. Jetzt sind es nur noch 9.000.
Aber wer folgt eigentlich wem? Das Tier dem Menschen oder der Herr seinen "Sklaven"? Rentier-Herden "gleichen einem wandelnden Wald". Sie folgen Jahr für Jahr denselben Strecken, auf denen ihre Urgroß-Eltern schon unterwegs waren. Und ihr Herr marschiert stolz an ihrer Seite. Er schaut "auf alle anderen seines Volkes herab, welche das Nomadenleben aufgegeben und sich entweder als Fischer niedergelassen oder gar als Diener an Skandinavier verdingt haben; er allein dünkt sich ein echter, freier Mann zu sein." Toll, was? Aber bevor wir jetzt alle nach Lappland eilen, sollten wir bedenken: Sind wir bereit für die Abermillionen Mücken? Für die täglichen Fußmärsche, bis die Blasen platzen? Für ein Leben ohne Bett, Dusche und Frühstücksei? Können wir Weicheier Nomaden sein?

Rudolph mit der roten Nase – Kino-Zeichentrickfilm von 1998. Foto: DVD-Titel

Wappen mit Rentier des russischen Dorfes Lowosero. Foto: Wikimedia

Finnische Briefmarke, Foto: Wikimedia
Übrigens, bevor wir’s vergessen: Rudolph ist ein Mädchen. Die Schlitten-Tiere müssen weiblich sein, weil sie im Winter noch ihre Geweihe tragen. Die Kerle werfen ihre Stecken bereits im Herbst ab, wenn sie ausgebrunftet haben... Und die rote Nase ist vermutlich auch nicht echt. Oder ist Rudolfine – oder sollen wir besser Fräulein Rudolph sagen? – eine Trinkerin? Oder hat ihr jemand eines drüber gewischt? Oder haben irgendwelche amerikanischen Mediziner recht? Die behaupten, unser Rentier-Mädel leide an Rosacea, einer juckenden Hautkrankheit "hauptsächlich im Bereich der Nase".
Wollen wir den Rentieren noch ein Konzert spendieren? Hier geht’s los:
Finnisches Gesangsstück "Ole Leloya" von Bolt’s Law Incline: https://www.youtube.com/watch?v=L-ZzMT3lwqk
Der Rentier-Song von Golden Bough: https://www.youtube.com/watch?v=sVkmZKOSJBc
The Reindeer Swore It Was One Pint, irisches Trinklied, dargeboten vom Drunken Irish Bard: https://www.youtube.com/watch?v=W97y4zEOi90
Rudolph The Red Nosed Reindeer, der Original-Song von Gene Autry: https://www.youtube.com/watch?v=44bL90HP0Ys
Norwegische Rentierpost von Richard Eilenberg: https://www.youtube.com/watch?v=r5AGAHEE0Fc&t
Reindeer Rock von The Sportsmen: https://www.youtube.com/watch?v=KQBw2sDrb5
Grandma Got Run Over By A Reindeer von Elmo & Patsy: https://www.youtube.com/watch?v=MgIwLeASnkw
Samische Volksmusik – Máddji singt Dawn Light (Dämmerung): https://www.youtube.com/watch?v=46WW3D5a_TU
Sofia Jannok, This is my Land – ein Song über Sápmi, die traditionellen Heimat-Regionen der Samen: https://www.youtube.com/watch?v=riXVuhlMNQA (Rainer M. Gefeller)+++
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Der liebe Gott sieht alles! - Bemerkungen von Rainer M. Gefeller
REGION - 04.04.2024
Echt jetzt! (2)
Hanf-Dampf in allen Gassen - Bemerkungen von Rainer M. Gefeller
REGION - 28.03.2024
Echt jetzt! (1)
Sankt Weselsky! - Bemerkungen von Rainer M. Gefeller
FULDA - 27.03.2024
"Echt jetzt!" von Rainer M. Gefeller
Journalisten-Legende schreibt exklusive Kolumne bei OSTHESSEN|NEWS
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