Prost! - Foto: Pen Ash / Pixabay

REGION Echt jetzt! (132)

Die Aperölchen-Republik: Bemerkungen von Rainer M. Gefeller

23.10.26 - Noch stehen Tische und Stühle draußen; manchmal hängt die Herbstsonne schlapp zwischen den Wolken. Ist jetzt Feierabend für die Draußen-Trinker? Was wird dann aus unserem Sommergetränk? Dieser bonbonfarbene Drink muss doch einfach dableiben, oder? Als Gute-Laune-Spritze. Als Sommer-Botschafter. Als harmloser Freudenspender. Hat doch auch kaum Alkohol, unser Aperölchen – oder?

Bemerkungen von Rainer M. Gefeller Archivfoto: O|N

Nun ja, das ist natürlich relativ. Aber bevor wir richten, schauen wir mal erst dem Ex-Minister Lauterbach ins Glas. Und machen wir uns darauf gefasst, dass demnächst ein orangefarbener Tsunami aus Amerika zu uns herüberschwappen könnte. Von dort kommt doch immer was Gutes, oder nicht?

Stellen Sie sich vor, Sie sind Veganer und werden Manager in einem Schweinefleisch-Konzern. Was müssten Sie da für Werbung betreiben! "Das Arme-Leute-Kotelett – gebratener Schweinebauch – ist so gesund, weil... äh..." Gell, da verließen sie ihn. Karl Lauterbach war von 2021 bis 2025 Gesundheitsminister unseres Landes. Ein paar Monate später tönte der FDP-Lautsprecher Wolfgang Kubicki über ihn: "Isst kein Salz, isst keinen Zucker, trinkt keinen Alkohol, hat keine Freundin. Was hat er denn vom Leben?!" Wo der Kubicki das wohl wieder hervorgekramt hat. Ein Jahr, bevor er Minister wurde, hatte Lauterbach jedenfalls dem "Spiegel" verraten, wie ungesund er in Wirklichkeit lebte: "Ich esse sehr einseitig, ernähre mich nicht vegan, trinke jeden Tag Wein." Auf TikTok amüsierte sich jemand bereits damals: "Der Rotwein hat wohl mehr Prozent als die SPD."

Urlaubs-Drink: Original-Spritz am Strand. Foto: Pixabay

Im Februar 2025 ermahnte der Minister Lauterbach die Deutschen pünktlich zum Start in die Karnevalssaison, sie sollten angesichts neuer Studienergebnisse auf Alkohol verzichten; "schon mit dem ersten Glas Wein" steige das Krebsrisiko. Der Privatmann Lauterbach aber gedachte weiter zu süffeln: er trinke "weiter regelmäßig Wein": "Wenn ich merke, das reicht jetzt, dann ist auch wirklich sofort Schluss." So ist das also. Kennt man das nicht von den Mönchen des Mittelalters? Wasser predigen und Wein trinken? Oder sind wir alle innerlich zerrissen – zwischen unserem Verlangen und der Bedrohung?

Oder haben viele Deutsche einfach keinen Durst mehr auf Alkoholisches? Seit den 90er Jahren ist der Wein-Konsum kontinuierlich abgesackt, auf knapp 25 Liter im Jahr. Das ist nur noch Platz 6 in der internationalen Trink-Hitparade. Platz 1: Portugal. Der Durchschnitts-Portugiese zischt 62 Liter Vinho im Jahr.

Spritz-Angebote vorm Vini e Panini. Foto: Annemaria Gefeller

Der kleine Spritz-Baum: Trink-Pyramide vor der "Heimat" am Buttermarkt. ...Foto: Annemaria Gefeller

Spritz-Angebote vorm Romantica. Fotos: Annemaria Gefeller

83 Millionen Germanen trinken freilich immer noch dreimal so viel Wein wie 1,4 Milliarden Chinesen, hat die FAZ vorgerechnet. Beim Bier immerhin liegen wir weiterhin unverdrossen auf Platz 2, hinter den Tschechen. Von 2024 auf 2025 ging der Bierabsatz in Deutschland dennoch um sechs Prozent zurück. Spitzenreiter beim Alkohol-Ausstieg sind die Hessen: 12,8 Prozent minus. Offen gestanden: Nach unserem Eindruck hat Fulda dazu keinen nennenswerten Beitrag geleistet. Hessentag, Weinfest, Stadtfest. Muss ich mehr sagen?

In den Bars sind Schampus, Wodka, Tequila und Kräuterliköre nicht mehr so gefragt; jeder dritte Deutsche hingegen bekundet seine Begeisterung für den "Spritz". Frauen trinken ihn noch lieber als die Männer, inzwischen wird der Sommer-Drink auch in frischeren Zeiten gern genommen. Deutschland, juxte im August die "Welt", sei von einer Biernation zur "Aperölchen-Republik" mutiert. 2019 hatte die "New York Times" über dem Spritz den Daumen gesenkt: Das sei "kein gutes Getränk". 2024 stöhnte die "Süddeutsche": "Muss es immer Aperol sein?" Und ein Jahr später befanden die angeblichen Trendsetter von "Harpers Bazaar": "Vergessen Sie Aperol Spritz."

Prost Spritz: Gastwirt Crescenzo Mattera vor seinem Restaurant La Romantica. ...Foto: Annemaria Gefeller

Das müssen die Kunden doch glatt überlesen haben. Wenn die Sonne scheint, leuchtet die Friedrichstraße in Fulda nachmittags selbst jetzt noch in diesem verlockenden Orange: auf allen Tischen "spritzt" es. Und was trinken die wohl, wenn sich bald die Kälte endgültig breit macht und man sich lieber hinter geschlossene Türen zurückzieht? Ja, genau! Crescenzo Mattera, Gastwirt des "Romantica" in der Friedrichstraße freut sich über den Triumphzug des Spritz. "Ja", bestätigt er, "das läuft auch bei uns sehr gut." Natürlich vor allem in den warmen Monaten. Aber wenn’s in der kalten Jahreszeit "gemütlich wird" im Restaurant, dann wird auch bei ihm weiterhin der Spritz als Stimmungs-Aufheller genommen.

In der "Tomate", "Vini & Panini", "Bondi", "Havanna", in der Bar vom "Platzhirsch" im "Davino", in der "Bar 22", in der "Barock-Bar" halten die Gastwirte ebenfalls den Bitzel-Drink bereit. In der "Heimat" kann man eine "Spritz-Baum" genannte kleine oder größere Glas-Pyramide ordern; das ist ja schon fast wie in Amerika. Der Spritz schwemmt uns weniger Alkohol in die Nieren als Wein. Wenn wir uns ans klassische Rezept halten, maximal 9 Volumenprozent. Das Rezept: 3 Teile Prosecco, 2 Teile Aperol, 1 Teil Sodawasser plus viel Eis und Orangenscheibe. Da hat man doch gleich das Gefühl, dass man sich viel gesünder tränkt.

In der Heimat des Spritz allerdings kommt manchen Italienern das Allerwelts-Getränk inzwischen zu den Ohren raus. Für die Via Maqueda im sizilianischen Palermo hat der Bürgermeister ein Verbot für neue Kneipen verfügt. Schon jetzt habe sich auf der einst berühmten Fressmeile kulinarische Monokultur breitgemacht – Carbonara in Instagram-tauglichen Pfannen und dieses gewisse Begleitgetränk. "Das war ein Spritz zuviel", klagte ein Einheimischer, und: "Zuviel Zucker verdirbt den Kaffee!" Auch in Bologna und Florenz, Rom und Turin wollen viele Gastronomen wieder mehr Wein auf den Tischen sehen. Ob das gelingen kann?

Jane Birkin, 1985. Foto: Wikimedia – Roland Godefroy, Jane Birkin07, CC BY 3.0

Wer in den 60er Jahren bereits wachen Sinnes durchs Leben schlenderte, konnte ein französisches Lied schwerlich überhören: Jane Birkins "Je t’aime" (Ich liebe Dich). Die schöne Engländerin hauchte und stöhnte 1969 das lüsterne Lied, dass vielen Männern ganz schwummrig wurde (und manchen Frauen auch). Der Vatikan protestierte, viele Radiostationen boykottierten den Song. In Deutschland blendeten Sender aus, bevor das Gestöhne losging. Das "Giornale d’Italia" empörte sich darüber, dass Missis Birkin und ihr Partner Serge Gainsbourg "so viele Seufzer und Grunzer wie eine ganze Elefantenherde beim Kopulieren" produziere. Das änderte nichts daran, dass "Je t’aime" zu einem Welthit wurde – und die Birkin zu einer Kultfigur.

Luxus mit Henkel: Birkin-Tasche aus Straußenleder. Foto: Wikimedia – Wen-Cheng Liu, Hermes Ostrich Birkin Bag, CC BY-SA 2.0

1981, wird erzählt, sei die schöne Frau in einem Flugzeug auf den damaligen Chef des Luxus-Konzerns Hermès getroffen. Der Mann war ganz wild darauf, eine Nobel-Tasche mit dem Namen Birkin auf den Markt zu bringen. Die vielseitige Stöhn-Sängerin habe eine Skizze der Handtasche auf einen Spuckbeutel gestrichelt. Dieser und andere Mythen werden gepflegt, um die 1984 erstmals verkaufte "Birkin Bag" an der Spitze der Mode-Erzeugnisse zu halten. Die Billig-Ausgabe ist schon für neuntausend Dollar zu haben, die teuerste kostet 150.000. Die allererste "Birkin" (schwarzes Leder, vergoldeter Messing), von der Lady selbst jahrelang durch die Gegend geschlenkert, wurde im vergangenen Sommer bei Sotheby’s für sieben Millionen Euro versteigert. Den Termin habe ich leider verpasst.

Was das mit unserem Ganzjahres-Sommerdrink zu tun hat? Für 125 Dollar kann man sich im "Leonetta" im New Yorker Stadtteil Manhattan zum Wochenend-Brunch einen "Mega Spritz" servieren lassen. Der wird in einem Glas-Kübel mit Henkeln an den Tisch gebracht; das Getränk heißt "Bigger than a Birkin", größer als ein Birkin. Das ist er ohne Zweifel: Das Gefäß fasst anderthalb Gallonen, das sind beinahe sechs Liter der üblichen Spritz-Mixtur. Drinnen schwimmen Orangenscheiben. Na, woran erinnert uns das?

Was vom Ballermann übrig blieb: "Balneario 6" an der Platja de Palma, 2016. ...Foto: Wikimedia – Ailura, 20160220 Balneario 6 7118, CC BY-SA 3.0 AT

Im Juni 2003 veröffentlichte die "Welt" einen Nachruf. "Der Ballermann ist tot", war da zu lesen, er habe "den Sangria-Löffel abgegeben". Balneario 6, wie die Strandbude in El Arenal (Palma) eigentlich hieß, war 24 Jahre lang berüchtigt für seine trinkfeste Kundschaft aus Germanien – und für das dazu nötige Trinkbesteck: Blaue Plastikeimer mit einem Meter langen knickbaren Strohhalmen. Durch die wurde das Standard-Getränk aus den Putzeimern gesaugt: eine aus preisgünstigem Wein, Branntwein, Zucker, vergorenen Früchten und Säften zusammengepantschte Plöre, die sie Sangria nannten.

Ballermann, 2001. Foto: Wikimedia – SuCapitanidad at German Wikipedia, Balneario 6, CC BY-SA 3.0

Da tranken und taumelten sie und versuchten tanzartige Schritte zur Ballermann-Musik. Wenn’s nicht mehr weiterging, schleppten sie sich die drei Steinstufen abwärts an den Strand, legten sich rücklings in den Sand und ließen sich von der Sonne eine ordentliche Mallorca-Akne aufbrennen. 1993 wurden die Strandbuden abgerissen und durch klinisch wirkende Edelstahl-Architektur ersetzt. Seit 2011 ist das "Eimersaufen" auf Mallorca verboten. Dennoch tobt zwischen Oberbayern, Bierkönig und Strand weiterhin der Trink-Zirkus. Wer Durst hat, kommt auch ohne Eimer zurecht.

Obwohl die Gastro-Kritiker dieser Erde nicht müde geworden sind, ihren Landsleuten den Spritz irgendwie madig machen zu wollen: es hat nichts gefruchtet. Im vergangenen Jahr wurden nach Angaben der Campari-Gruppe weltweit vier Milliarden Gläser heruntergeschlürft, in den "deutschsprachigen Ländern" sind laut Ipsos-Umfrage 40 bis 60 Prozent aller Cocktails Spritzis, in immer neuen Variationen. Überall gibt es jetzt auch Erdbeer-Spritz, Lillet-Spritz, Campari-Spritz, Sanddorn-Spritz. Oder den Flamingo-farbenen Sarti Rosa. Die USA melden Zuwachsraten von 18 Prozent pro Jahr, seit 2018. Mit dem Durst wächst das Spritz-Spektakel. In New Yorker Bars wird der Spritz aus 40-Liter-Fässern gezapft. In deckenhohen Glaskolben sprudelt das neue Volksgetränk. Auch die Barmixer, die anfangs die Nasen gerümpft haben, haben ihren Frieden gemacht mit dem Spritz: Kaum ein Mixdrink ist schneller fertig als der hier. Und die Gläser werden immer größer. Der Spritz der Saison ist so groß wie eine Maß Bier. Den trinkt man am besten beidhändig. "Der Spritz", hüstelt die "New York Times", "hat die Stufe der Dekadenz erreicht."

Trinkstoff im Eimer: El Arenal, 2013. Foto: Wikimedia – Nikolai Bakhmarov, El Arenal, Islas Baleares, Spain - panoramio (4) (cropped), CC BY 3.0

Was ist, wenn wir genug haben von dem Gespritze? Jetten wir doch einfach mal kurz nach Miami (gut neun Stunden Flug ab Frankfurt). Nicht vergessen, vorher einen Platz in der Angeber-Bar "Papi Steak" in Miami Beach zu reservieren. Auf der Karte steht ein Getränk mit dem schönen Titel "Dies ist keine Tasche, sondern ein Cocktail". Serviert wird laut People-Magazin: ein Mixdrink aus Belvedere-10-Wodka, Grapefruit, Limette und Lillet Blanc sowie ein Döschen Osietra Kaviar. Alles zusammen in einer 33.000 Dollar teuren "Birkin-Bag" von Hermès. Die Tasche darf man mal anfassen und sich selbst damit fotografieren. Bevor wir schwach werden, fliegen wir rasch wieder heim.

Mit Trinkliedern kann man eine gesamte Nacht rumkriegen. Aber uns sollen ein paar Beispiele reichen.

Italien Deep Hous, Spritz: https://music.youtube.com/watch?v=n7aoPH4DEQc

Laundry Day, Aperol Spritz: https://www.youtube.com/watch?v=rIgKZS8-HuY&list=RDrIgKZS8-HuY&start_radio=1

Garth Brooks, Friends in low Places: https://www.youtube.com/watch?v=mvCgSqPZ4EM&list=RDmvCgSqPZ4EM&start_radio=1

Oasis, Cigarettes & Alcohol: https://www.youtube.com/watch?v=SaeLKhRnkhQ&list=RDSaeLKhRnkhQ&start_radio=1

Rehab, Bartender Song: https://www.youtube.com/watch?v=pdEvL6jxUYA&list=RDpdEvL6jxUYA&start_radio=1

Jane Birkin und Serge Gainsbourg, Je t’aime: https://www.youtube.com/watch?v=ZKFJjKJfKrE&list=RDZKFJjKJfKrE&start_radio=1

Herbert Grönemeyer, Alkohol: https://www.youtube.com/watch?v=0KO-EOD7tT8&list=RD0KO-EOD7tT8&start_radio=1

Dubliners, Whiskey in the Jar: https://www.youtube.com/watch?v=hlWTASnnft4&list=RDhlWTASnnft4&start_radio=1

Chubawamba, Tubthumping: https://www.youtube.com/watch?v=2H5uWRjFsGc&list=RD2H5uWRjFsGc&start_radio=1

Die Toten Hosen, Kein Alkohol ist auch keine Lösung: https://www.youtube.com/watch?v=HFmzrCAocq8&list=RDHFmzrCAocq8&start_radio=1

AC/DC, Have A Drink On Me: https://www.youtube.com/watch?v=mKc_Ej8RiVs&list=RDmKc_Ej8RiVs&start_radio=1

Robert Mitchum, Thunder Road: https://www.youtube.com/watch?v=tdwUpxkfSJw&list=RDtdwUpxkfSJw&start_radio=1

Willy Millowitsch, Schnaps, das war sein letztes Wort: https://www.youtube.com/watch?v=uBdIe7I3RWY&list=RDuBdIe7I3RWY&start_radio=1
(Rainer M. Gefeller)+++

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