Adler Attila im Eintracht-Stadion. - Foto: Wikimedia Sven Mandel, 2022128173211 2022-05-08 - 1D X MK II - 2350 - B70I8461, CC BY-SA 4.0

REGION Echt jetzt! (129)

Der Adler ist kein Suppenhuhn: Bemerkungen von Rainer M. Gefeller

02.10.26 - Verehrte Text-Kundschaft, bitte lassen Sie sich nicht durch die Überschrift auf eine falsche Fährte locken: Hier geht es nur am Rande um Fußball und die Jungs mit dem Vogel auf der Brust. Morgen ist schließlich der größte Feiertag unserer Nation, unser aller Adlerfest. Unser Wappentier wird natürlich auch gefeiert.

"Flieg wie ein Adler durch die Luft!" Nach spätestens drei Bier liegen wir uns alle in den Armen und singen dieses erhebende Stück Musik von der Steve Miller Band. Lassen Sie uns mal exklusiv zur Feier unseres Tages erkunden, was wir von "Aquila chrysaetos" für unsere künftigen Höhenflüge lernen können. Und was nicht.

Bemerkungen von Rainer M. Gefeller. Archivfoto: O|N

Der Adler ist nach dem Löwen das häufigste Wappentier. Der gehört doch zu uns, oder? Ja, schon, irgendwie... Aber anderen gehört er auch: Der Adler ist – mal als Nationaltier, mal im Wappen – vielen Nationen zu Diensten. Außer den Deutschen auch den USA, Österreich, Polen, Mexiko, Albanien, Serbien, Montenegro, Kasachstan, Moldawien, Ägypten, Irak, Jemen, Palästina. Ist also ein ziemlich globales Wesen. Auf Wappen und Fahnen wird er mit gespreizten Flügeln gezeigt, mal ein-, zwei- oder dreiköpfig, schwarzweiß oder in grellen Farben, mit oder ohne ausgestreckte Zunge. Gekrönt, mit Orden behängt, mit Lorbeerkranz.

Wenn wir morgen feierlich den Zustand unseres Landes beklagen, sollten wir vielleicht daran denken: Wenn wir einen Vogel haben, haben die anderen auch einen. Und umgekehrt.

Betrachten wir doch die Welt mal kurz mit dem legendär scharfen Adlerblick. "Ich will nicht als Adler starten und als Suppenhuhn landen." Diesen fürs Kabinett passenden Wahlspruch hat sich der Journalist Hans-Roland Fäßler ausgedacht. Und Edgar Allan Poe liefert uns gleich eine Ermahnung an sämtliche Regierende unserer zu Recht gefeierten Heimat: "Das Kriechen ist unter allen verschiedenen Fortbewegungsarten wohl eine prächtige Sache. Aber müssen wir deswegen, weil die Schildkröte einen sicheren Gang besitzt, die Flügel der Adler beschneiden?"

Adler-Denkmal mit Blick auf die Milseburg. Foto: Wikimedia Jörg Braukmann, Fliegerdenkmal auf der Wasserkuppe, CC BY-SA 4.0

Wer von der Wasserkuppe zum nahen Pferdskopf marschiert, kann ein über der Rhön thronendes Monument schwerlich übersehen: das "Fliegerdenkmal", das zugleich spektakuläre Ehrenmal für unseren verloren gegangenen Adler. Der steht da auf einem wie zufällig hingeworfenen Haufen Basaltsteinen. Zum Tag der Einweihung dieses Denkmals für die im Ersten Weltkrieg Gefallenen meldete die Fuldaer Zeitung 100.000 Gäste aus ganz Deutschland. Ein Fest für die Segelfliegerei war das – aber rasch klebten die Nazis dem unschuldigen Tier ihre Ideologie ans Gefieder. Irgendwer feierte "das Urbild aller nationalsozialistischen Adler" und "seine wehrhafte Schönheit". Kurt Tucholsky war offenbar angewidert: "Warum muss in diese harmlose Betätigung das Gift des Nationalismus hineingetragen werden?" 1954, neun Jahre nach dem zweiten großen Krieg, flickte die Fuldaer Firma Pfeifer das Monument. US-Soldaten hatten den "Nazi-Adler" als Zielscheibe benutzt. Die Handwerker zählten 68 Durchschüsse.

König der Lüfte. Foto: Wikimedia © Giles Laurent, gileslaurent.com, CC BY-SA 4.0

Wie ist der Adler eigentlich in echt? Ein edler Vogel, zweifelsohne. "Eine unter Adlern geschlossene Ehe währt für die ganze Lebenszeit", lobt Alfred Brehm. Sowas schafft ja von uns heute kaum noch jemand. Ihre Majestät zeigen die Adler im Fluge, "man sieht von ihnen oft minutenlang nicht einen einzigen Flügelschlag, und doch entschwinden sie bald dem Auge." Noch schöner ist er, wenn er auf einem Ast hockt, "dann hält er sich senkrecht wie ein sitzender Mann, ein wirklich erhabener Anblick." Sieh an, zu Brehms Zeiten galten Männer tatsächlich noch als Krönung der Schöpfung. Aber unser Edelvogel hat natürlich auch seine hässlichen Seiten. Zum Beispiel wenn er zu Fuß unterwegs ist in seinem Humpelgang. Das sieht aus wie wir Erwachsene beim Sackhüpfen. Am liebsten spachtelt er frischgefangene Beute, Aas wird aber auch genommen – der Hunger treibt’s rein. Manchmal findet er’s halt bequem, "an einem bereits gedeckten Tisch zu schmausen."

Mahlzeit: Der Adler hat einen Fuchs erbeutet. Foto: Wikimedia - Bohuš Číčel (https://www.flickr.com/photos/bcicel/), CC BY-SA 3.0

Steinadler starrt vor sich hin. Foto: Wikimedia Richard Bartz, CC BY-SA 2.5

Der Steinadler fühlt sich hoch oben am sichersten. Deshalb baut er auch seine Horste, wie die Nester genannt werden, am liebsten an unzugänglichen Felswänden, gern unter Stein-Vorsprüngen. Seinem Heim bleibt das Adler-Paar treu, richtet sich aber sicherheitshalber auch noch ein paar Ausweich-Quartiere ein. Frau und Herr Adler jagen und futtern gemeinsam, aber Obacht: "Ein leckeres Gericht kann selbst unter den zärtlichsten Adlergatten Streit hervorrufen." Bei der Jagd wird der Adler zum Brutalo, schlägt seine Messer-Krallen in Augen, Brust und Hals seiner Beutetiere und beginnt schon zu futtern, bevor die Opfer tot sind. Oder er verschleppt die Beute zu seinen Jungen, die haben ja auch Schmacht. Am 2. Juli 1877 ließ sich in den Alpen ein Jäger namens Ragg zu einem Adlerhorst abseilen. Darin fand er eine komplette Vorratskammer: zwei Gemskitze (eine davon schon großteils verzehrt), "die Reste eines Fuchses", ein Murmeltier und fünf Hasen.

"Adler sterben aus und ziehen sich auf den Euro zurück", hat der Aphoristiker Manfred Hinrich beklagt. Wühlen Sie mal kurz in ihrer Hand- oder Hosentasche, dann finden Sie bestimmt die Adler-Münze zwischen all dem billigen Klimpergeld für den Bäcker: 2 Euro. Im deutschen Teil der Alpen gibt es nur noch 50 Brutpaare; unser Wappenvogel gilt in Deutschland als stark gefährdet. Als Stefan Stadler, Vize-Chef des Frankfurter Zoos, im Februar 2023 über der Wetterau ein fremdartiges Flugobjekt am Himmel entdeckte, war er ruckartig aus dem Häuschen, und mit ihm die gesamte Vogelfreunde-Schar in Hessen: ein echter wilder Steinadler. Wahrscheinlich sei er aus Schweden rübergeflogen. Der erste Wappenvogel über Hessen seit 1939! "Außer dem Menschen haben die Adler keinen Feind, der ihnen gefährlich werden könnte", hatte bereits Alfred Brehm geschrieben.

Unsere Vorfahren waren echt rabiat. Bereits im 17. Jahrhundert wurden Adler in den deutschen Mittelgebirgen und im Flachland ausgerottet, weil sie als Schaf- und Kinderräuber verrufen waren. Die Adler-Hysterie war allgemein. In letzter Zeit gelten wenigstens die überlebenden Vögel als halbwegs sicher – seitdem Naturschützer aufdringliche Drachenflieger und Hobbyfotografen von den Gelegen fernhalten.

7. Juli 1974, Olympiastadion München. Deutsche Weltmeister präsentieren nach ...Foto: Wikimedia

Jürgen Klopps Fußball-Lehrlinge haben gerade im Turbo-Verfahren begriffen, wie schnell man aus der warmen Dusche des nationalen Jubels in die Eistonne stürzen kann. Die Jungs tragen auf ihrem Einsatz-Leibchen den Bundesadler. Auf den sind viele eingeschworen: Kanzler, Minister, Abgeordnete, Beamte, Richter, Polizisten, das Grundgesetz. Die Frankfurter Eintracht schwört auch auf einen lebenden Vogel, am 30. April 2004 geboren. Sein Hauptwohnsitz: Wildpark Alte Fasanerie in Hanau. Sein Hauptberuf: Maskottchen. Seit 2006 hat der Adler kein Heimspiel der Eintracht verpasst. Hoffen wir mal, dass er vom Fußball nicht so viel versteht, sonst hätte er echt viel Elend anschauen müssen. Ursprünglich sollte der große Vogel Kurti heißen, hat sein Falkner Norbert Lawitschka ausgeplaudert. Das habe seine Frau verhindert: "Du kannst solch ein erhabenes Tier doch nicht Kurti nennen." Jetzt heißt er also Attila.

Besonders liebenswert klingt das freilich nicht. Attila, um 400 nach Christi Geburt geboren, wurde 44 Jahre später Alleinherrscher der Hunnen (nachdem er seinen Bruder umgebracht hatte). Der überall in Europa gefürchtete Kriegsherr führte das Steppenvolk zu Wohlstand und Macht. 453 starb Attila überraschend, in der Hochzeitsnacht mit dem "sehr schönen Mädchen Ildico". Danach brodelte die Gerüchteküche. War er, übermannt von Wein und Liebesanstrengung, tot auf dem Bett zusammengesackt? Hatte ein Rivale ihn umbringen lassen? Oder hatte die anmutige Braut ihn abgemurkst? Und was hat der schöne Adler mit dem alten Hunnen-Haudegen zu schaffen?

Der amerikanische Weißkopfseeadler. Foto: Jens Freitag auf Wikimedia CC BY-SA 4.0

Georg Schröder hatte in seinem Büro im Kanzleramt ein Bild von Georg Baselitz hinter sich hängen: den berühmten Adler – ein zerfledderter Feder-Haufen, der, wie es bei Baselitz eine Weile üblich war, verkehrt herum am Himmel hing. Heute und vielleicht erst recht morgen, an unserem Feiertag, würde man fragen: Ist das ein Symbol für uns und unser Land? Ab den 70er Jahren hatte Baselitz die Menschen, die Natur und sich selbst "auf dem Kopf stehend" gemalt, die Kunstwelt ereiferte sich über diese Verrücktheit. Vielleicht sollten sich unsere Regierenden und Opponierenden mal auf diese Bilder konzentrieren. Wird bei uns wieder alles normal, wenn wir vieles einfach vom Kopf auf die Füße stellen? Wäre doch mal einen Versuch wert.

Leo Dorn, der "Adlerkönig" (1836 bis 1915). Der bayerische Jäger soll 100 Adler erlegt ...Foto: Wikimedia

Hätten wir uns ja denken können: die Amerikaner halten ihren eigenen Adler, den "Weißkopfseeadler", für den Größten. Der Weißkopf sieht zweifellos spektakulärer aus als unser Schnabelmeister, ein bisschen wie der Philosoph unter den Greifvögeln. Oder wie ein Operetten-Buffo. Vielleicht färbt er sich die Kopfmatte, vielleicht wollte sein Präsident ja auch so aussehen wie er. Hat nicht hundertprozentig geklappt. Donald Trump hat dem Herrn Xi mit großer Geste eine Büste des Ami-Adlers geschenkt. Der Chinese darf den künstlerisch wertvollen Staubfänger behalten. Xi hat im Gegenzug zwei lebende Pandas nach Atlanta geschickt, aber nur als Leihgabe. Die amerikanische Adlerdiplomatie war also nicht besonders erfolgreich.

Wappen von Obereberbach im Westerwald. Foto: Wikimedia

Mährischer Adler. Foto: Wikimedia

Eintracht-Adler. Bild: Seit 1999 offizielles Logo von Eintracht Frankfurt. ...Foto: Wikimedia

Schlesischer Adler. Foto: Wikimedia

Südtiroler Adler. Foto: Wikimedia

Bundeswappen seit 1950. Foto: Wikimedia

Ägyptischer Adler. Foto: Wikimedia

Bundesadler von 1921. Foto: Wikimedia

Österreichischer Bundesadler. Foto: Wikimedia

"Wenn die Adler schweigen, fangen die Papageien an zu schnattern", hat Winston Churchill festgestellt. Es zeugt von gesunder Selbstkritik, dass unser Großvogel die Klappe hält. Für den König der Lüfte hat der Steinadler nämlich eine beklagenswert jämmerliche Stimme. Wenn er überhaupt mal was von sich gibt, dann ein leises "hiäh", "klih" oder "tschiak". Das klingt laut George Vlad, Tierstimmen-Sammler auf Youtube, wie "das Jaulen eines kleinen Welpen". Der Stiefbruder in Amerika hat noch armseligere Töne. Ein Kichern, ein Quietschen, "kleek-kik-ik-ik-ik", vergleichbar dem Quieken einer Gummiente. Aber der Weißkopfadler macht doch in Filmen immer solch ein imposantes Getöse! Ja, so ist Hollywood: Da wird einfach die Stimme eines Rotschwanzbussards drübergelegt.

Eine Warnung: Glauben Sie den Musikern nicht – selbst von Adlern inspirierte Songs verleihen uns keine Flügel. Immer schön auf dem Boden bleiben...

Pink Floyd, Learning to Fly: https://www.youtube.com/watch?v=nVhNCTH8pDs&list=RDnVhNCTH8pDs&start_radio=1
R. Kelly, I Believe I Can Fly: https://www.youtube.com/watch?v=G4YF_bUrmf8&list=RDG4YF_bUrmf8&start_radio=1
Daddy Cool, Eagle Rock: https://www.youtube.com/watch?v=oQfAZVsz6KM&list=RDoQfAZVsz6KM&start_radio=1
Abba, Eagle: https://www.youtube.com/watch?v=dDI7x1nwTUw&list=RDdDI7x1nwTUw&start_radio=1
Steve Miller Band, Fly Like an Eagle: https://www.youtube.com/watch?v=WuXwSyahgW4&list=RDWuXwSyahgW4&start_radio=1
John Denver, The Eagle and the Hawk: https://www.youtube.com/watch?v=ec7loUVZNN0&list=RDec7loUVZNN0&start_radio=1
Karel Gott, Ich bin der Adler, du der Wind: https://www.youtube.com/watch?v=o2s6R90KAUY&list=RDo2s6R90KAUY&start_radio=1
Duo Camillo, Der Adler: https://www.youtube.com/watch?v=sWsD3GoEqyQ
Wolfgang Petry, Adler: https://www.youtube.com/watch?v=1aheyp-IN78&list=RD1aheyp-IN78&start_radio=1
Hap Palmer, Eagle Song: https://www.youtube.com/watch?v=jpM-YsDA9ww&list=RDjpM-YsDA9ww&start_radio=1
(Rainer M. Gefeller)+++

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