Einfahrt zum Bardohaus-Gelände. - Foto: Annemaria Gefeller

REGION Echt jetzt! (134)

Bemerkungen von Rainer M. Gefeller: Unser Freund, der Baum

06.11.26 - Bebauungsplan 201. Dieser karge Begriff bringt nicht wenige Fuldaer derzeit ruckartig auf die Palme. Warum eigentlich? Die Fläche liegt, unweit des Rosenbades, zwischen Johannis-, Bardo- und Frankfurter Straße. Dieses verwinkelte Gelände am "Bardohaus" soll neu sortiert werden: Neue Straßenführung. 23 neue Parkplätze. Eine neue Wohnanlage. Leider, leider sollen dafür acht Bäume umgelegt werden. Eine Weide, zwei Ahornbäume und fünf Eschen. Der Zorn vieler Bürger wächst derzeit schneller als Bambus, die Rakete unter den Turbo-Pflanzen.

Bemerkungen von Rainer M. Gefeller. Archivfoto: ON

Der Baum ist ein rätselhaftes Wesen. Ein Mythos des Altertums und der nordischen Sagenwelt. Am geheimnisvollsten ist der "Baum des Lebens": mit seinen Wurzeln tief in der Unterwelt verankert, ragt er über die Erde hoch und immer höher, bis seine Wipfel den Himmel berühren und tragen. Er steht "in der Mitte des Paradieses", sagt die Bibel – und wer von seinen Früchten isst, erhält ewiges Leben. Die Germanen und andere Völker haben Bäume in Götterhainen verehrt. Bonifatius, unser kämpferischer Missionar, ließ die "Donareiche", zentrales Heiligtum der Chatten, demonstrativ fällen. Er wollte den Heiden beweisen, dass ihre Gottheiten zahnlose Weicheier waren. Und tatsächlich, er hat den Angriff auf die Germanen-Götter überlebt. Das war vor über 1.300 Jahren. Aber steckt uns vielleicht noch immer die Achtung vor diesem mystischen Lebewesen in den Knochen?

In Deutschland stehen laut "Bundeswald-Inventur" über 100 Milliarden Bäume in der Landschaft rum. Die meisten sind allerdings Zwerge, von 20 Zentimetern Höhe aufwärts. 6,9 Milliarden sind respektablere Bäume (laut Inventur ab sieben Zentimeter Stammdurchmesser "in Brusthöhe"). Was regen wir uns da über acht Bäume auf, die an der Fuldaer Johannisstraße gefällt werden sollen? Der Baum ist eine "verholzte Pflanze", wie uns Wikipedia aufklärt. Unten Wurzeln, oben Krone. Hat sich über alle Eis- und Heiß-Zeiten hinweg überall auf unserem Globus fest verwurzelt. 1968 hat die Sängerin Alexandra ihr berühmtestes Lied geschrieben: "Mein Freund, der Baum." Der "Spiegel" bejubelte den "ersten Öko-Song der Pop-Geschichte". "Mein Freund der Baum ist tot", dichtete Alexandra, "er starb im ersten Morgenrot". Den grandiosen Erfolg ihres Liedes hat die Sängerin nicht mehr erlebt: Sie starb im Sommer 1969 an den Folgen eines Verkehrsunfalls.

Das Bardohaus – Namensgeber für das Gelände. Foto: Annemaria Gefeller

Wenn man einen glaubwürdigen Kronzeugen braucht für alles und jedes, ist Johann Wolfgang von Goethe natürlich erste Wahl. Er war ein Naturfreund, und Bäumen hat er Gedichte gewidmet, als wären sie seine Kumpel. Hier offenbart er seine Liebe zu Charlotte von Stein. Und wem beichtet er das? Den Bäumen, weil die so verschwiegen sind:

"Sag ich’s euch, geliebte Bäume,
die ich ahndevoll gepflanzt,
Als die wundervollsten Träume
Morgenrötlich mich umtanzt.
Ach, ihr wisst es, wie ich liebe,
Die so schön mich wiederliebt.
Die den reinsten meiner Triebe
Mir noch reiner wiedergibt."

Johannisstraße Foto: Annemaria Gefeller

Es ist kaum vorstellbar, dass die Stadtverordneten-Fraktion der Fuldaer CDU während der Debatte über den "vorhabenbezogenen" Bebauungsplan 201 Goethes Gedicht oder irgendwelche anderen Reimwerke zur Kenntnis genommen haben. Wäre aber vielleicht gar nicht so schlecht gewesen, wenn man die Gefühle der eigenen Bürger begreifen will. Ein Baum ist halt mehr als lästiges Strauchwerk. Schließlich hat ja Fraktions-Chefin Patricia Fehrmann auch versichert: "Die Sorgen der Bürgerinnen und Bürger bezüglich des Baumbestands und möglicher Folgen für das Stadtklima" würden "ernst genommen". Aber: "eine sachgerechte Abwägung aller Belange" könne sich natürlich nicht in Klimaschutzfragen erschöpfen. Verkehrssicherheit, "Eigentums- und Erschließungsverhältnisse", "funktionierende städtische Infrastruktur", das alles müsse berücksichtigt werden.

Johannisstraße Foto: Annemaria Gefeller

Der Knick in der Johannisstraße Foto: Annemaria Gefeller

Baum-Idylle in der Fulda-Aue. Foto: Annemaria Gefeller

Die Johannisstraße vollführt in Höhe unseres Bau-Geländes einen spektakulären Knick. "Gefährlich!" sagt die CDU-Fraktion. Dass hier noch keine Unfälle passiert sind! Damit das so bleibt, sei eine knickfreie, komfortable Einfahrt zum Gelände von Aldi und Denn’s "dringend geboten". In Zukunft soll’s nämlich so aussehen, dass der jetzt vor sich hin kümmernde Kothenbachweg eine klare Verbindung von der Johannisstraße zur Frankfurter schafft. Und dabei nebenher die Erschließung anliegender Gewerbegebiete ermöglicht. Die neuen Parkplätze seien nur ein "Begleitaspekt", ergänzt Kollege Michael Ruppel. Und was ist mit den Wohnungen, die hier entstehen sollen? "Aktuell nicht Bestandteil der vorliegenden Planungen", bekräftigt die Fraktion.

Baum-Idylle am Spielplatz im Hundeshagenpark Foto: Annemaria Gefeller

Na, dann ist doch alles in Butter. Oder nicht? Eher nicht, motzten vor knapp zwei Wochen 220 Demonstranten am Tatort. Die Vernichtung von Bäumen in einer Zeit, da viel zu viele dank Klimakrise schon von selber sterben, sei nicht hinnehmbar. Walter Rammler, der bekannteste Naturschutz-Aktivist der Stadt, will "die acht Bäume retten". Zum Protest versammelten sich Anwohner, Umweltschützer, Ärzte, Apotheker. Viele haben bei der Stadt bereits gegen die Baumfäll-Aktion protestiert. Misstrauen geht um. Zwar können Bürgerinnen und Bürger noch eine Woche lang (bis 13. November) Einspruch erheben – aber die größte Fraktion hat sich schon mal festgelegt. Technokratische Wortwahl trifft auf Empörung. Sowas kommt selten gut an. Dass weiß man doch. Spätestens, seit viele Probleme der Bundesregierung auf "schlechte Kommunikation" zurückgeführt werden.

Kothenbachweg Foto: Annemaria Gefeller

"Bäume sind Gedichte, die die Erde an den Himmel schreibt." Dieses intensive Bild des Philosophen Khalil Gibran wird immer dann zitiert, wenn irgendwo Wälder gerodet werden sollen. "Kein anderes Geschöpf ist mit dem Geschick der Menschheit so vielfältig, so eng verknüpft wie der Baum," hat der Historiker Alexander Demandt festgestellt. In einer "Naturbewußtseinsstudie" des Bundesumweltministeriums wurde 2017 dargelegt, dass die gestressten Bürgerinnen und Bürger vor allem die Nähe von Bäumen suchen, um wieder mit sich selbst ins Reine zu kommen. Der Waldspaziergang vermittle "Harmonie und Ruhe" und verspricht "Sicherheit und Halt" in einer komplexer werdenden Welt. Waldbaden ("achtsames Verweilen im Wald") boomt, vor allem bei der wald-fernen Bevölkerung. Bäume umarmen ist auch angesagt. Als König Charles noch Prinz war, hat er gern mit seinen Blumen geplaudert. Was der Mann wohl zu hören bekäme, wenn er mit Bäumen ins Gespräch käme. Offenkundig haben wir eine romantische, sentimentale Beziehung zu Bäumen. Das kann den Menschen kein Bebauungsplan austreiben.

Das Opfer der Bäume soll übrigens nicht vergebens sein, für jeden Verlust wird was Neues gepflanzt. Aber wo, wenn der Platz am Tatort 201 nicht reicht? Gleich hinter Bronnzell, Richtung Engelhelms, haben Biber in einem geschützten Revier dem Engelhelmsbach durch hartnäckigen Dammbau so effektiv über die Ufer geholfen, dass das gesamte Gelände "dauerhaft vernässt" sein soll. Ein Paradies für Bäume, die heute sonst zu oft im Trockenen stehen müssen. Hier soll es eine Ersatzfläche geben für einige der gekappten Fulda-Bäume. Da können wir doch immer mal picknicken. So in zehn Jahren vielleicht. Dann sind die neuen Eschen bestimmt hoch genug, um uns Schatten zu spenden.

Kothenbachweg Foto: Annemaria Gefeller

Blätter und Früchte der Esche. Illustration: Otto Wilhelm Thomé, 1885 / Wikimedia/ gemeinfrei

Bäume im Mondschein. Öl-Gemälde von Carl Julius von Leypold, 1824 Foto: Wikimedia/gemeinfrei

Liebeslieder an die Bäume – eine Auswahl:

Puhdys, Alt wie ein Baum: https://www.youtube.com/watch?v=nW0ZDPeh7ng
Taylor Swift, Willow: https://www.youtube.com/watch?v=RsEZmictANA
Tori Amos, Speaking With Trees: https://www.youtube.com/watch?v=ybHkWbHsRd4
Jennifer Lawrence, The Hanging Tree (aus dem Film "The Hunger Games"): https://www.youtube.com/watch?v=DqhOzH8QcH4
Rush, The Trees: https://www.youtube.com/watch?v=JnC88xBPkkc
Carly Simon, Boys in the Trees: https://www.youtube.com/watch?v=5vsFUtH6Jso
Alexandra, Mein Freund, der Baum: https://www.youtube.com/watch?v=bADHWv-EDF8&list=RDbADHWv-EDF8&start_radio=1 (Rainer M. Gefeller)+++

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