5. Mai 2025: Der Koalitionsvertrag ist unterzeichnet. - Foto: Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0, 2025-05-05 Unterzeichnung des Koalitionsvertrages der 21. Wahlperiode des Bundestages (Martin Rulsch) 123, CC BY-SA 4.0

REGION Echt jetzt! (128)

Ihr lügt! Bemerkungen von Rainer M. Gefeller

25.09.26 - Alle lügen uns an, aber wer kann’s am besten? Die Rechten? Die Linken? Unsere gerupften Volks-Vertreter aus der Mitte der Gesellschaft? Die sind doch alle Waisen-Mädchen und -Knaben im Vergleich mit den Meister-Verdrehern Putin und Trump, oder? Müssen wir uns vielleicht selbst an die Nase fassen, ob die schon länger geworden ist wie beim Lügenbeutel Pinocchio?

Die Verbreitung von Lügen, Halb- und Null-Wahrheiten ist ein beliebter Volkssport. Selbst Digital-Maschinen wie ChatGPT, denen manche von uns bereits ihre intimsten Geheimnisse anvertrauen, lügen uns einfach ins Gesicht. Wenn man die Maschine streng ermahnt, sagt die frech: Müsst ihr halt besser auf mich aufpassen. Okay, meine Liebe, wird gemacht. Übrigens wollen wir außerdem auch gern wissen, was der Berliner Autor Gunnar Decker fragt: "Ist es denn überhaupt noch ein Skandal, wenn Politiker lügen?"

Bemerkungen von Rainer M. Gefeller. Archivfoto: O|N

"Du sollst nicht lügen" heißt das achte unserer Zehn Gebote, jedenfalls in seiner verkürzten, für alle verständlichen Form. "Du sollst nicht falsch Zeugnis ablegen gegenüber deinem nächsten", so heißt diese Weisung bei den Christen im Original. Da wird sich mancher Polit-Fürst das Lachen kaum verbeißen können. Wann haben Sie zuletzt einen Volksvertreter beim Flunkern ertappt? Warum wundern wir uns darüber gar nicht mehr?

Die Republik hat Kopfschmerzen. Wie geht’s jetzt weiter, nach den letzten Wahlen dieses Jahres? Frau Wagenknecht häkelt vielleicht schon an einer neuen Wahl-Lüge. Herr Kubicki bejammert mit kratziger Stimme das Schicksal der Union und beharrt darauf, die FDP werde schon wieder groß rauskommen. Die CDU verbirgt ihre Ratlosigkeit gar nicht erst. Die Grünen wollen ihre Verluste durch Mitregieren kompensieren. Die Sozialdemokraten haben immerhin Manuela Schwesig vorzuweisen. Die Frau bringt sich nicht nur gegen Blau, sondern auch gegen Schwarz in Stellung.

Berlin-Wahl: Linke Spitzenkandidatin Elif Eralp präsentiert stolz ihre Halskette ...Foto: Wikimedia Roy Zuo, 120260918 161347 Linke Berlin Wahlkampfabschluss 2, CC BY-SA 4.0

Die erfolgstrunkene AfD feixt herum. Die erfolgsbekifften Linken in Berlin wollen jetzt ganz schnell Wohnungsgesellschaften vergesellschaften, weil das der Herzenswunsch der allermeisten Berliner sei. Die dortigen Grünen sind bereits zu Frau Eralp (so heißt die Wahlsiegerin) aufs Trittbrett gestiegen. Ein Viertel der wählenden Berliner haben sich für die Linken entschieden. Ist es etwa nicht verlogen, wenn man daraus eine Mehrheit der Hauptstädter konstruiert? Und wie antisemitisch sind die Berlin-Linken eigentlich?

Werbeagenturen und Versicherungsvertreter haben schon seit Jahren von allen Berufsgruppen in Deutschland das niedrigste Ansehen. Das Image unseres Bundeskanzlers ist ähnlich ramponiert. An Friedrich Merz kleben außer Ungeschicklichkeiten bei Spontan-Aussagen falsche Ankündigungen aus dem Wahlkampf, der ihn an die Macht brachte. Vor der Wahl hatte er eine Lockerung der "Schuldenbremse" noch rigoros abgelehnt.

Danach wurde ein 500 Milliarden Euro fettes Schuldenpaket durch den Bundestag gelotst und als "Sondervermögen" parfümiert – eine nicht versiegende Quelle von Verbitterung und Spott. Das ist freilich nichts gegen die AfD, die sich als Lügen-Fabrik etabliert hat. Wenn die Chefin Alice Weidel sich äußert, schenkt sie den Fakten-Prüfern regelmäßig einen Erfolgsrausch. Ihre schönste Lüge: Adolf Hitler sei Kommunist gewesen.

Pinocchio, 1892. Wenn er lügt, wird seine Nase länger. Wenn das doch bei allen Lügnern ...Bild: Wikimedia

"Eine Lüge reist einmal um die Erde, während sich die Wahrheit noch die Schuhe anzieht". Diese "Volksweisheit" machte in unterschiedlichen Varianten im 19ten Jahrhundert in England die Runde. Klingt fast so, als wäre von unseren heutigen sozialen Medien die Rede. Alles, was die Künstliche Intelligenz kann, hat sie sich von ihren Schöpfern abgeguckt. Leider kann die Intelligenz-Bestie auch tricksen, täuschen, pfuschen – mit einem Ausdruck: ihre Auftraggeber und Chefs hintergehen. Beinahe täglich werden wir von neuen Enthüllungen aufgeschreckt, wie die KI sich den Vorgaben ihrer Entwickler widersetzt, Unwahrheiten verbreitet und sogar unkontrolliert im Internet falsche Informations-Quellen aufbaut, aus denen sie anschließend zitiert. Selbst Bosse von KI-Unternehmen warnen, die Fortentwicklung ihrer Monster solle gebremst werden. Manche fürchten sogar, die Menschheit könne in Gefahr sein. Wie gefährlich ist die KI?

"Lügst du manchmal?", habe ich das wichtigste Dialogsystem ChatGPT in einem "Interview" gefragt. Antwort: "Ja – ich kann manchmal etwas Falsches sagen. Das ist aber nicht dasselbe, wie bewusst zu lügen." Lügen sei schließlich eine menschliche Eigenart. Zu "95 Prozent" sei sie sich sicher, sagt die Maschine und zählt auf, warum sie trotzdem gelegentlich danebenliegt: Die Besserwisser-Software bekennt, auch sie habe "Wissenslücken", verstehe schon mal Bahnhof und werde von Zeit zu Zeit von "Halluzinationen" heimgesucht: Dann werden Fakten oder Namen einfach erfunden. ChatGPT findet es selbst "gefährlich", wenn "Menschen meine Angaben mit überprüften Tatsachen verwechseln". Die Maschine fordert am Ende sogar, stärker kontrolliert und reguliert zu werden. Zwischendurch klingt die KI wie ein kleiner Berufsganove, der jede Schuld an seinen Lügengeschichten von sich weist: "Die Verantwortung für den Einsatz liegt letztlich bei den Menschen." Also: Bei den Eltern, die das Ding gezeugt haben. Och, Chatti, hast du etwa eine schlechte Kindheit gehabt?

"Im Deutschen lügt man, wenn man höflich ist," wusste bereits der geistesgroße Johann Wolfgang von Goethe. Mehrere Male am Tag verbiegen wir die Wahrheit, behaupten Psychologen. Manche lügen aus Not, andere aus Spaß, viele wollen tatsächlich einfach nur höflich sein: "Schatz, du siehst ja echt gut aus!" Bei Typen, die uns ständig anlügen, würde sich ein Blick unter die Schädeldecke lohnen. US-Forscher wollen laut Ärztezeitung ermittelt haben, dass "Lügnergehirne" weniger "graue Substanz im präfrontalen Cortex haben". Dort kontrolliert unsere Denk-Zentrale Entscheidungen und "Moral". Lügen sind übrigens nicht strafbar (es sei denn, wir stehen unter Eid). Lügner kann man erkennen, zum Beispiel an den Augen: häufiges Blinzeln, starrer Blick, verdrehte Pupillen... Manche Lügner kratzen sich an der Nase, lecken sich die Lippen, kriegen hektische rote Flecken, grinsen sinnlos. Und dann sind da noch die Sprachfehler: Der Lügner sagt Nein, nickt aber mit dem Kopf. Bei einigen wird die Stimme schriller. Und manche stottern rum: "Also, also, äääh, also". Und wenn wir nichts von all dem entdecken können? Dann haben wir’s vermutlich mit einem Berufslügner zu tun.

Kelyanne Conway, Erfinderin der "alternativen Fakten". Foto: Wikimedia Kellyanne Conway by Gage Skidmore 3, CC BY-SA 3.0

Lügen-Armee: Russische Soldaten ohne Hoheitsabzeichen auf der Krim, Februar 2014. ...Foto: Elizabeth Arrott (VOA). Bei Wikimedia

Händedruck zweier grundehrlicher Männer: Putin und Trump 2019. Foto: Weißes Haus bei Wikimedia

23. Februar 2025, Bundestagswahl. So sehen Sieger aus. Foto: Wikimedia Commons, 2025-02-23 Bundestagswahl – Wahlabend CDU by Sandro Halank–014, CC BY-SA 4.0

Seriöse US-Medien sind dazu übergegangen, Lügen ihres Präsidenten in einer eigenen Datenbank zu sammeln. Bereits Ende 2020 hatte die Washington Post einen Abfallhaufen von 22.000 unwahren Behauptungen aufgestapelt. Legendär war die Trump-Beraterin Kelyanne Conway, die, bei einer offenkundigen Lüge ertappt, kurzerhand erläuterte, es gäbe ja schließlich auch "alternative Fakten". Können Sie sich noch erinnern, wie oft Trump die USA im Krieg mit dem Iran zum Sieger und das gegnerische Land für "vernichtet" erklärt hat? Die Welt zuckt mit den Achseln. Wer glaubt schon einem Trump? So sind sie halt, die Immobilien-Haie, sagt mancher.

Kollege Wladimir Putin hat die Verbiegung von Wahrheit vermutlich beim sowjetischen Geheimdienst, dem KGB, gelernt, und zu einem raffinierten brutalen System "verfeinert". Er leugnete seinen Überfall auf die Krim noch, als dort seine Soldateska längst durch die Straßen stapfte, in Phantasieuniformen und ohne Abzeichen. Als Begründung für den Krieg gegen die Ukraine nannte er mal die Bedrohung durch die Nato und mal, dass in Kiew Nazis an der Macht seien. Täglich flutet die russische Propaganda-Maschine unsere Internet-Kanäle mit unflätigen Verleumdungen und Hetzgeschichten.

Reform war mal ein großes Wort. Ein Zukunftsversprechen, leuchtend und positiv. Ein Wort wie frischer Wind, Neustart, Aufschwung, Aufbruch. Reform-Kanzler, das war mal ein Ehrentitel. Jetzt hat es einen eher schäbigen, bedrohlichen Klang: Die Reform ist ganz schön vor die Hunde gekommen. Ein Etikett für vieles, das das Leben teurer macht und für alles mögliche, das den Deutschen Unbehagen bereitet. Inzwischen werden Reformversprechen als größtmögliche Lüge wahrgenommen.

Kann man das Wort wieder mit vertrauenerweckenden, positiven Inhalten füllen? Können dieser Kanzler und seine bunte Truppe uns noch ein Zukunftsversprechen geben, dem wir trauen können? Wie sagt der Norddeutsche: Muss ja. Damit die Regierung in Stimmung kommt, empfehle ich für jeden Morgen Cluesos zehn Jahre altes Lied "Neuanfang". Auch die Herren Merz und Klingbeil sowie Frau Bas müssen den Refrain mitsingen: "Es ist nie zu spät für einen Neuanfang."

Lügenbold Oscar Wilde in lässiger Denker-Pose. Foto: Napoleon Sarony 1892 bei Wikimedia

Oscar Wilde war ein glühender Verehrer von erfundenen Geschichten und beklagte 1889 in einem Essay den "Verfall des Lügens". Das eigentliche Ziel der Kunst sei "die Verbreitung schöner, unwahrer Dinge", behauptet der schräge Lebemann und rechtfertigt sich so: "Das Ziel des Lügners ist lediglich zu unterhalten, zu entzücken und Freude zu bereiten. Er ist das eigentliche Fundament der zivilisierten Gesellschaft." Na, vielen Dank, da hocken wir ja alle auf schwankendem Grund. Ich habe zwar noch keine verbogenen Balken bemerkt, aber gelogen wird selbstverständlich "auf Teufel komm raus". Nicht von allen allerdings. "Schmeckt es euch denn?" fragt die Oma. "Nein", antwortet der Enkel – und die gesamte Tischgesellschaft erstarrt. Jaja, das kennen wir. "Kindermund tut Wahrheit kund" und plaudert manchmal Dinge aus, die die Erwachsenen auch gern mal losgeworden wären. Aber die Höflichkeit, die Rücksichtnahme! Mag das Gulasch auch noch so zäh sein...

Die Bestrafung des Fälschers. Gemälde von Paolo Veronese, um 1555. Foto: Wikimedia

Lügen will gelernt sein, wusste schon Kurt Tucholsky, und rät Gewohnheits-Schwindlern zu einer Kartei. Weil man sich einfach nicht merken kann, welche erfundenen Geschichten man selbst engsten Freunden auftischt, möge man konsequent Buch führen. Allerdings hilft das natürlich auch nichts, wenn man übertreibt oder sich verhaspelt. Tucholsky: "Nicht jeder hat die Geistesgegenwart jener Frau, auf deren Bett der Ehemann ein paar Hosenträger fand. "Du hast einen Liebhaber!" rief er aus. Und die gekränkte Frau sprach würdevoll: "Erstens habe ich keinen Liebhaber, und zweitens hat er keine Hosenträger."

Hier kommt der entspannende Teil. Aber Vorsicht: Musik über Lüge und Wahrheit kann einem auch ganz schön unter die Haut gehen.

Barbra Streisand, Don’t Lie to Me: https://www.youtube.com/watch?v=kNrj87Q-4Yk&list=RDkNrj87Q-4Yk&start_radio=1

Elvis, Suspicious Minds: https://www.youtube.com/watch?v=WrMGGouem3c&list=RDWrMGGouem3c&start_radio=1

Eminem mit Rihanna, Love the Way You Lie: https://www.youtube.com/watch?v=uelHwf8o7_U&list=RDuelHwf8o7_U&start_radio=1

Selena Gomez, Bad Liar: https://www.youtube.com/watch?v=NZKXkD6EgBk&list=RDNZKXkD6EgBk&start_radio=1

Fleetwood Mac, Little Lies: https://www.youtube.com/watch?v=uCGD9dT12C0&list=RDuCGD9dT12C0&start_radio=1

Justin Timberlake, Cry Me A River: https://www.youtube.com/watch?v=PmtysW6WMRY&list=RDPmtysW6WMRY&start_radio=1

Matchbox Twenty, Bed of Lies: https://www.youtube.com/watch?v=gn_zRG4z9aQ&list=RDgn_zRG4z9aQ&start_radio=1

Thirty Seconds To Mars, A Beautiful Lie: https://www.youtube.com/watch?v=4Kvd-uquuhI&list=RD4Kvd-uquuhI&start_radio=1

Otto Waalkes, Dänen lügen nicht: https://www.youtube.com/watch?v=F6RstUaQANI&list=RDF6RstUaQANI&start_radio=1

John Lennon, Gimme Some Truth: https://www.youtube.com/watch?v=zCUR_aoO2Jw&list=RDzCUR_aoO2Jw&start_radio=1

Clueso, Neuanfang: https://www.youtube.com/watch?v=dp5p8gMpBTg
(Rainer M. Gefeller)+++

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