Ein Prachthirsch. - Fotos: Wikimedia - Lviatour, Cervus elaphus Luc Viatour 6, CC BY-SA 3.0

REGION Echt jetzt! (131)

Du Hirsch! Bemerkungen von Rainer M. Gefeller

16.10.26 - Hallo, König der Wälder! Hast du jetzt endlich genug rumgeröhrt? Ist schließlich schon Mitte Oktober, da kannst du mal wieder runterkommen. Siehst ja nur noch aus wie ein Lappen. Wie kann man sich nur derart verausgaben für... Halt, stopp, wir wollen doch unsere Kinderstube nicht vergessen.

Bemerkungen von Rainer M. Gefeller. Archivfoto: O|N

Streicheln wir stattdessen versonnen unsere Hirschhorn-Knöpfe, in Erinnerung an die leider vergangenen Oktoberfeste. Und denken an den Herrn mit dem majestätischen Geweih. An seine Schönheit und Kraft. An seine Herbst-Konzerte. Und daran, wie er ausgerechnet an Heiligabend für einen Fernseh-Skandal herhalten musste.

Wer sein Wohnzimmer kulturell veredeln wollte, hatte Mitte des vergangenen Jahrhunderts im Wesentlichen drei Möglichkeiten. Erstens: einen Ölschinken, der eine Landschaft zeigt. Zweitens: einen Ölschinken, der eine schöne exotische Frau zeigt. Grübelnd oder tanzend, das war egal – aber der Titel, den wir heute natürlich nicht mehr freiwillig hersagen würden, war immer gleich: "Die Zigeunerin". Drittens: einen Ölschinken, der einen röhrenden Hirschen zeigt. Als Kunst wurden die fabrikartig runtergepinselten Bilder nicht bezeichnet, sondern als "Zimmerschmuck". Was den Hirschen betrifft, schüttelte der damalige Blödel-Experte Heinz Erhardt passend zum Bild einen seiner gefürchteten Kalauer aus dem Ärmel:

"Der Hirsch, der röhret ganz gemein.
Er wird wohl nicht zufrieden sein.
Da ergibt sich eine Frage:
Ham die Rehe ihre Tage?"

Da brüllt er, der Hirsch. Foto: Wikimedia - Lviatour, Cervus elaphus Luc Viatour 2, CC BY-SA 3.0

Hirsch auf der Flucht. Foto: Wikimedia - Lviatour, Cervus elaphus Luc Viatour 5, CC BY-SA 3.0

Wie viele andere auch, ist Herr Erhardt einem Irrtum aufgesessen: Das Reh ist gar nicht die Frau vom Hirsch, sondern eine gänzlich andere Tierart. Der männliche Hirsch darf Hirsch, Edelhirsch oder Rothirsch genannt werden. Frau Hirsch indes wird geringschätzig "Tier", "Rottier" oder "Stück Wild" genannt. Jedenfalls bei Alfred Brehm. Die Jägersprache hat unseren Geweih-Onkel hingegen sprachlich enorm emporgehoben. Ein wohlgenährter Hirsch ist "stark", ein dünner "schlecht von Leib". Hirsche ohne Geweih werden als "Mönche" verspottet. Sein Fleisch heißt "Wildbret", sein Blut "Schweiß", seine Beine werden "Läufe" genannt, die Schultern "Blätter", die Schenkel "Keulen" und die Augen "Lichter". Das kümmerliche Schwänzchen nennt der Fachmensch "Wedel".

An Heiligabend 1971, um 20:15 Uhr, hat die ARD "eine Bombe auf den Gabentisch geschmuggelt", schrieb die TV-Zeitschrift "Medium". "Stern’s Stunden" standen auf dem Programm. Ein Filmwerk über Rothirsche, produziert von dem provokanten Journalisten Horst Stern. Über Hühner, Igel, Kühe und Honigbienen hatte er sich bereits ausgelassen, jetzt ging’s dem Hirsch ans Fell. Ein paar Kernsätze: "Der deutsche Wald ist krank auf den Tod." Schuld dran seien Rotwild und deren Feinde, die Jäger.

Noch ein röhrender Hirsch. Foto: Wikimedia – Fischer.H, IMG Rothirsch 7313, CC BY-SA 4.0

Letztere, weil die Waidmänner ihren Job nicht wahrnehmen würden: Rotwild schießen. Hirsch & Co galten als schlimmste aller Waldplagen. Die Sünde der Tiere: Sie schälen Kiefern und Laubbäumen die Rinde vom Stamm, die Bäume vertrocknen. Die Wälder, so Stern, seien übervölkert vom Rotwild: "Zuviel Boom, zuwenig Bum." Es sei "nicht dringlich zurzeit, den Hirsch zu schonen. Es ist dringlich zur Zeit, ihn zu schießen." Sterns Weihnachts-Ansprache endete mit der Schluss-Bemerkung: "Man rettet den Wald ja nicht, indem man "O Tannenbaum" singt."

Stern war es klar, dass der Film einen Skandal zur Folge haben würde. Er fürchtete, bei den Deutschen "ewig als Weihnachtsschänder" in Erinnerung zu bleiben. Bei seinem Fernsehdirektor hatte er noch um einen anderen Sende-Termin gekämpft, aber der hatte eine Verlegung abgelehnt: "Wer am Heiligen Abend das Fernsehen überhaupt nötig hat, um in weihnachtliche Stimmung zu kommen, der soll das ZDF einschalten. Da singen die Regensburger Domspatzen."

Der Schock-Film hatte Folgen. Bayerischer Landtag, Bundestag, Universitäten, Förster, Jäger stritten über Sterns Thesen, die übrigens so neu gar nicht waren: Schon Ende des 19. Jahrhunderts hatte der Tierforscher Alfred Brehm geurteilt: "In Gegenden, wo Ackerbau und Forstwirtschaft den Anforderungen der Neuzeit gemäß betrieben werden, sind die Hirsche nicht mehr zu dulden. Der Schaden, welchen die schönen Tiere anrichten, übertrifft den geringen Nutzen, den sie bringen." Das klingt, als wäre das majestätische Mustertier so schädlich wie die modernen Waldvernichter, Borkenkäfer oder Miniermotten zum Beispiel. An Heiligabend 1973 brachte Horst Stern übrigens ein weniger provokantes Werk auf die Bildschirme: einen Film über Schmetterlinge.

Kämpfende Hirsche. Foto: Heinz Seehagel auf Wikimedia

Mutter und Kind. Foto: Wikimedia – BS Thurner Hof, Rothirsch säugend 070816, CC BY-SA 3.0

Eine Viertelmillion Hirsche leben in Deutschland, gut 70.000 werden jedes Jahr geschossen. In Hessen wird der Bestand auf bis zu 15.000 geschätzt, in 20 festen Rotwildgebieten. Im Vogelsberg soll es höchstens 100 Tiere geben. Im Gieseler Forst, zwischen Hünfeld und Flieden, sollen ungefähr 300 weibliche Tiere leben. Cervus elaphus kann 20 Jahre alt werden. Weibchen können bis zu 110, Kerle sogar über 200 Kilo schwer werden. Hochgereckt kann Herr Hirsch zwei Meter fünfzig aufragen, inklusive Geweih.

Seine imposanten, bis zu sieben Kilo schweren Stirnwaffen setzt er gegen Nebenbuhler und Feinde ein. Jedes Jahr im Winter wirft er sein Geweih ab – in 140 Tagen ist es wieder nachgewachsen. Breite Brust, schlanker Hals, nach vorne spitz zulaufender Kopf, 34 Zähne. Der Veganer futtert äußerst gesund: Kräuter, junge Triebe, Knospen, Blätter, zur Not auch Gräser. Mit Begeisterung frisst er den Landwirten Feld- und Baumfrüchte weg.

Rothirsch-Kalb. Foto: Wikimedia – BS Thurner Hof, Rothirsch Kalb 070816 5, CC BY-SA 3.0

In der nordischen Mythologie kann man sich ohne Weiteres verlaufen; da wimmelt es von "Urwesen", wilden Kriegern und noch wilderen Gottgestalten. Da kann man schon dankbar sein, wenn uns ein ferner Bekannter über den Weg prescht: "Eikthyrnir", der mystische Hirsch des Nordens. Der steht auf dem Dach von Walhall, futtert von einem rätselhaften Baum und lässt aus seinem Geweih irgendwas in eine Quelle tropfen, "woraus alle Flüsse der Welt entstehen". In der echten Welt ist ein "kapitaler Hirsch" mindestens zehn Jahre alt und 120 Kilo schwer. Was er auf dem Kopf trägt, sollte minimum zwölf oder besser 16 spitze Enden haben. Das ist freilich nichts gegen einen 32-Ender, der uns im "Trophäen-Shop" als "brutales hochkapitales Rothirsch Monsterhirsch Geweih" angepriesen wird. Aber ach: zur Zeit vergriffen. Wie wär’s stattdessen mit einem präparierten Zebra-Kopf zum Schnäppchen-Preis? Nur 2.750 Euro. Macht sich doch auch gut über dem Sofa.

Jagdzimmer im Schloss Gaußig bei Bautzen. Foto: Wikimedia – Jörg Blobelt, 20080316505DR Gaußig (Doberschau-G) Schloß Jagdzimmer, CC BY-SA 4.0

Hosenträger aus Hirschleder. Foto: Wikimedia – Usien, Lederhosenträger mit Stickerei und Hirschrose, CC BY-SA 3.0

Kronleuchter mit Geweihen. Foto: Wikimedia – Chandelier - OK-10451, 2 - National Museum of Art, Architecture and Design, CC BY 4.0

Was man mit dem Geweih alles machen kann! Einen gemütlichen Wandschmuck. Hirschhorn-Knöpfe für die Lederhose (unerlässlich beim Oktoberfest). Hirschhornsalz (E 503), das zum Beispiel beim Backen von Weihnachtsplätzchen gern genommen wird, aber auch für Lebkuchen und Printen. Von den magischen Kräften als Amulett ganz zu schweigen! Als Heilmittel taugt der Hirsch sowieso, wie ein "Bestiarium" aus dem 13. Jahrhundert verrät. "Offenbar bekommen Hirsche nie Fieber." Kann uns der Hirsch vielleicht sogar ein längeres Leben bescheren? Ja, jubelt das Bestiarium: "Man liest, dass viele Menschen, die gewohnt waren, am frühen Tage Hirschfleisch zu essen, sehr alt wurden."

Echt gemütlich: Geweihstuhl im Jagdschloss Grunewald. Foto: Wikimedia – GodeNehler, Jagdschloss Grunewald-83, CC BY-SA 4.0

1669 erschien in Frankfurt das "Allgemeine Thierbuch", für das der Hirsch ein einziger Arznei-Schrank war. In der Pfanne geröstetes Hirschblut soll die "rote Ruhr", eine entzündliche Darmerkrankung, besänftigen. Ein Schlückchen Blut im Wein ist "gut wider das Gift". Mit einer Salbe aus Hirschmark kann man jede Art von Schmerz sowie Geschwüre bekämpfen. Hirschlunge empfehlen die Autoren gegen Husten, Hirschhoden als Aphrodisiakum, das Hirschkreuz soll ein schwaches Herz stärken. Hirschtalg nutzen Läufer und Radler auch heute noch, wenn sie sich "einen Wolf" gelaufen oder erradelt haben.

Als bei uns noch die Fürsten das Sagen hatten, durften sich Bauern und andere einfache Leute wie wir gern mit Runkelrüben und Nagetieren den Bauch vollschlagen – das edle Rotwild war den Herrschenden vorbehalten. "Wildbret und Fisch gehören auf des Herren Tisch." Allein der Kurfürst von Sachsen, Johann Georg I, soll während seiner 44-jährigen Regierungszeit (1611 bis 1655) "116.106 Stück Wild" erlegt haben, davon 40.000 Hirsche und Hirschkühe. "In Württemberg", schrieb die promovierte Forstwissenschaftlerin Doris Hofer, "mussten die Bauern sogar den Hut vor einem Hirsch ziehen".

15.000 Jahre alt: Riesenhirsch in der Höhle von Lascaux. Bild: Wikimedia - Codex, Élan aux bois 2, CC BY-SA 4.0

Nach der Französischen Revolution drehten die einfachen Leut" die Flinte um und "schossen, was sie schießen konnten." Zunächst die Herrschenden, dann das Schwarzwild. Heute, übrigens, speisen Bundesbürgerinnen und Bundesbürger im Schnitt 400 Gramm Wildbret im Jahr. Von allen übrigen Fleischsorten schaffen wir 55 Kilogramm. Da entgeht uns was, denn Rotwild ist frei von Antibiotika und Hormonen und hat wenig Fett und Cholesterin. Das "natürlichste Fleisch der Welt", wie die FAZ gerade rühmte, füttert uns mit allem, was der Körper so braucht: Phosphor, Eisen, Kalium, Magnesium sowie den berühmten Omega-3-Fettsäuren. Aber 400 Gramm sind natürlich schnell vertilgt...

"Der Jäger ist geneigt, in seinem Lieblingstiere den Inbegriff aller Vollkommenheit zu sehen", ätzte Alfred Brehm. Stimmt nicht: "Liebenswürdig ist er in keiner Weise. Selbstsüchtig denkt der männliche Hirsch ausschließlich an den eigenen Vorteil." Das Frauchen "behandelt er grob und roh, während der Brunftzeit am schlechtesten." Der "Jagdwissenschaftler" Dietrich aus dem Winckell, 1762 bis 1839: "Abends und morgens ertönt der Wald vom Geschreie der Brunfthirsche. Ein Laut, welcher dem Jäger angenehm, dem musikalischen Ohre aber nichts weniger als schmeichelhaft ist."

Schwimmende Hirsche in der Höhle von Lascaux. Bild: Wikimedia – Pline, XDSC 7441-musee-d-Aquitaine-grotte Lascaux, CC BY-SA 3.0

Geschälte Weide. Foto: Wikimedia – Gerhard Elsner, Schaelschaden, CC BY-SA 3.0

Das kann man freilich auch anders sehen. Tasso Wolzenburg ist "Deutscher Meister im Hirschrufen", kann also die Rotwild-Stimmen täuschend imitieren. Das junge Hirscherl, sagt er, klingt "hoch, suchend, voller Sehnsucht". Der alte Hirsch-Bock hingegen "röhrt tief, brummig, zornig und absolut streitlustig". Den brünftigen Alt-Hirsch könnte man ohne Federlesens in eine Klappse einweisen. Wahnsinnig rennt er über Lichtungen und galoppiert durchs Gebüsch, wochenlang von Sex-Sucht getrieben. "Wie von Sinnen" umkreist der Chef "seine" Herde; alle, alle gehören ihm. Das sehen Konkurrenten anders, schon scheppern die Geweihe gegeneinander.

Manchmal verhaken sich die dolchspitzen Kopf-Waffen, manchmal bleiben sie aneinander gekettet, bis die beiden Streithammel tot sind. Häufiger stampfen und knallen die Hirsche stundenlang gegen ihren Gegner. Während des Getöses und Gekeuches der Kampf-Hirsche machen sich mutige Jungkerle schon mal rasch an den Weibchen zu schaffen. Wir wissen doch: auf dem Kampffeld bleibt die Moral als erstes auf der Strecke. Aber irgendwann ist einer der Sieger. Schlappmachen darf der Irre vom Walde jetzt immer noch nicht, auf ihn wartet "sein Lohn in unersättlichen Gunstbezeigungen" der Damenwelt.

Röhrender Hirsch in Öl. Foto: Gemälde von Moritz Müller, 1896, auf Wikimedia

Ob der Hirsch manchmal von einer Schaffenspause träumt? Während der Brunft verliert er ein Viertel seines Gewichts, der König des Waldes ist nicht viel mehr als ein alter nasser Sack. Aber jetzt hat er ja elf Monate Zeit, sich wieder in Form zu bringen. Wenn ihn der Jäger nicht erwischt!

Ein kleines Konzert für und über den Hirsch. Ganz am Schluss kommt der Meister selbst zu Wort.

Julie Andrews, Doe, a Deer (Do-Re-Mi) von Sound of Music: https://www.youtube.com/watch?v=jITsImZdlMQ&list=RDjITsImZdlMQ&start_radio=1

Hank Williams jr, A Country Boy Can Survive: https://www.youtube.com/watch?v=3cQNkIrg-Tk&list=RD3cQNkIrg-Tk&start_radio=1

Annie Lennox, The Holly and the Ivy: https://www.youtube.com/watch?v=SxD6QLEzsu8&list=RDSxD6QLEzsu8&start_radio=1

Owl City, Deer in the Headlights: https://www.youtube.com/watch?v=gtsX8H7xSek&list=RDgtsX8H7xSek&start_radio=1

Gene Autry, Home, Home on the Range: https://www.youtube.com/watch?v=wJJGikSD9ho&list=RDwJJGikSD9ho&start_radio=1

Goldfrapp, Deerstop: https://www.youtube.com/watch?v=9bKNTXJKoAw&list=RD9bKNTXJKoAw&start_radio=1

JJ Cale, Death in the Wilderness: https://www.youtube.com/watch?v=7MjNJOf7MHY&list=RD7MjNJOf7MHY&start_radio=1

Psalm 42, "Wie der Hirsch schreit", Felix Mendelssohn: https://www.youtube.com/watch?v=4duwa_rd7Dk&list=RD4duwa_rd7Dk&start_radio=1

Gallup Dancers, Deer Dance (in Gallup, New Mexico): https://www.youtube.com/watch?v=VF5hoSwsOWg

Deutsche Wildtierstiftung, Röhrende Hirsche im Gut Klepelshagen: https://www.youtube.com/watch?v=wJsHbdUI9Yo
(Rainer M. Gefeller)+++

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