Alexander Bär, Trainer des SV Neuhof, spricht beim OSTHESSEN|NEWS-Sportgespräch Klartext. - Alle Fotos: Martin Engel

FULDA OSTHESSEN|NEWS-Sportgespräch (82)

Neuhofs Trainer Alex Bär: Unser Konzept mit fremden Spielern ist alternativlos

01.12.23 - Es ist so eine Sache mit den Fußballern des SV Neuhof und seinem Trainer Alexander Bär. Sie polarisieren stark in Osthessen, und wegen ihrer Konzeption, auf ausländische Spieler zu setzen, haben sie hier nicht eben viele Freunde. Der Coach aber erklärt im OSTHESSEN|NEWS-Sportgespräch, warum dieser Weg alternativlos für seinen Verein ist. Er entkräftet Vorurteile, oberflächliche Wahrnehmungen und Behauptungen. Und er äußert sich zu vielem mehr.

Im OSTHESSEN|NEWS-Sportgespräch lassen wir immer Menschen aus verschiedenen Sportarten der Region zu Wort kommen. Wir erzählen die Geschichte hinter der Geschichte. Heute folgt Teil 82 der Serie.

O|N: 24 Punkte aus 16 Spielen, wie ich Alex Bär kenne, ist er mit dieser Bilanz nicht zufrieden. Oder doch?

Alexander Bär: Richtig, ich bin nicht zufrieden. In keinster Weise. Das fing schon beim ersten Spiel gegen Bad Soden an. Wir haben ein Riesen-Spiel gemacht. Aber die Abstimmung fehlte. In der Schlussphase hatte der Schiedsrichter auf Elfmeter für uns entschieden. Dann hat er in Absprache mit seinem Assistenten den Strafstoß zurückgenommen. Du fängst mit null Punkten an - anstatt mit einem.

O|N: Was war gut, was weniger und müsst ihr verbessern?

Bär: Die Geschwindigkeit, mit der wir mit talentierten Fußballern versuchen, eine Mannschaft zu formen. Das ist außergewöhnlich, dass wir so mit jungen Fußballern arbeiten. Negativ ist halt, dass wir versuchen müssen, ein Gerüst länger zu halten als drei oder sechs Monate. Du kannst im Teamsport nur erfolgreich sein, wenn du länger mit einer Mannschaft zusammenbleibst. Meistens sind das finanzielle Gründe, dass wir die Spieler nicht halten können oder wenn sie abgeworben werden. Die Behauptung, der SV Neuhof verfolgte sein Konzept aus finanziellen Gründen, ist einfach falsch. Die Bedingungen in Neuhof sind da sehr schlecht. Doch nicht nur das Geld fehlt. Wir haben eine sehr erfahrene Vereinsführung. Die Mitarbeiter geben ihr Bestes, weil ihr Herz am Verein hängt. Aber es fehlt an Nachwuchs.

O|N: Zwischen den Zeilen hört sich das so an, als hättest du eine differenzierte Meinung zum Ehrenamt?

Bär: Ja, ich sehe im Ehrenamt ein Problem in unserer Gesellschaft. Das ist eigentlich sehr wichtig, nur es wird mit Füßen getreten. Es ist das Undankbarste, das ich erleben musste. So, dass es einen zermürbt. Wir müssen uns fragen, warum das so ist. Nur, weil man das Gefühl hat, etwas zurückgeben zu müssen? Meine Eltern haben das Vereinsheim in Neuhof mit aufgebaut - unter anderen mit den Familien Staubach, Müller, Obermahr oder Ebert. Auch Alfred Gesang war da federführend.

O|N: Ihr habt die Mannschaft vor Beginn dieser Saison wieder neu zusammengestellt. Wie weit ist sie in ihrer Entwicklung?

Bär: Das kann man einfach formulieren. Wenn ein Spieler nicht seine Leistung abrufen kann - und dazu gehört für uns in Neuhof auch Arbeit, Wohnung, An- und Abreise -, dann funktioniert es nicht. Wenn ich von Beginn an eine Mannschaft zusammen gehabt hätte, hätten wir oben mitgespielt. So kam der elfte Spieler im Auftaktspiel gerade aus dem Flugzeug. Auch im letzten Spiel in Sand hatte ich gerade mal elf Spieler. So kann man nicht arbeiten. Und so kann man keinen externen Trainer nach Neuhof holen. Aber: Wir hätten niemals aus der Hessenliga absteigen dürfen. Man darf die Schiedsrichter nicht kritisieren, dann hat man nur Nachteile. Gegen Erlensee hatten wir drei Platzverweise. Auch gegen Baunatal gab's brutale Entscheidungen. Und mein Name ist leider negativ. 

O|N: Wie lange bist du Trainer, wie lange warst du vorher Abteilungsleiter?

Bär: Als Abteilungsleiter war ich immer nur Stellvertreter. Von Erich Nau, Volker Ruppel oder Adolf Müller. Ich hab' mich überreden lassen, um da mitzuarbeiten. Trainer bin ich seit knapp 20 Jahren.

O|N: Ihr setzt auf nicht-heimische Spieler. Wie kam es dazu?

Bär: Das kann man einfach erklären. Ein regionaler Spieler wechselt oft die Vereine. Diese Rotation ist uns aufgestoßen. Man muss mal frisches Blut reinbringen. Wir arbeiten professionell und trainieren fünf- bis siebenmal in der Woche. Wir arbeiten hart. Und wenn man das tut, zahlen sich die Früchte irgendwann aus.

O|N: Wer waren denn die ersten ausländischen Spieler beim SV Neuhof?

Bär: Die ersten beiden Spieler waren vor etwa zehn Jahren die beiden Tschechen Radek Görner und Vit Kratochvil. Sie sind zum Probetraining nach Neuhof gekommen, das wir auf dem B-Platz abgehalten haben. Ihr Berater war da, und sie haben es zunächst abgelehnt, nach Neuhof zu kommen. Sie fanden aber keinen anderen Verein. Beide Spieler sind dann doch in Neuhof gelandet. Radek war eine Maschine. Er hat ungefähr 150 Tore in Gruppen-, Verbands- und Hessenliga geschossen. Der SV Neuhof ist von der Gruppenliga in die Hessenliga aufgestiegen. 

O|N: Dir und dem Verein ist bewusst, dass Ihr wegen eurer Philosophie stark polarisiert in Osthessen. Wie geht Ihr damit um?

Bär: Schwierige Frage. Wir besprechen das auch oft intern. Ich möchte unseren Konditionstrainer Wolfgang Obermahr zitieren: Neid muss man sich erarbeiten, Mitleid bekommt man geschenkt. Oft begründet man die Antwort mit finanziellen Dingen, was aber nicht stimmt. Wenn du dich entwickeln willst als junger Spieler, ist der SVN eine gute Plattform. Das ist keine Philosophie-Frage. Es hat sich so entwickelt. Was kann ich einem deutschen Spieler anbieten? Der hat Arbeit, Wohnung und Geld.

O|N: Noch einmal. Wie gehst du persönlich damit um?

Bär: Insbesondere die Reaktionen in den Social-Media-Kanälen sind grenzwertig. Eine Entwicklung unserer Gesellschaft. Das ist sehr bedenklich. Ich versuche - auch in meinem Beruf - die Hass-Kommentare auszublenden.

O|N: Wie arrangierst du dich mit diesem Alleinstellungsmerkmal?

Bär: Im Grunde genommen blende ich die Wirkung nach außen aus. Ich sehe keine andere Option, in Neuhof höherklassigen Fußball anzubieten. Und da ich im Moment noch mit meinem Herz am SV Neuhof hänge, ist das alternativlos. Ich kann mir auch keine Gedanken über Alternativen machen. 

O|N: Wie muss man sich beim SV Neuhof die Verständigung vorstellen in Training und Spiel?

Bär:  Die ist einfach. Fußball ist ja eine internationale Sprache. Ich hatte mal einen Spanier, der weder Deutsch noch Englisch sprechen konnte. Eine Kommunikation zwischen Spieler und Trainer war nicht möglich. Alle Spieler müssen bei uns Deutsch oder Englisch sprechen können. Ich spreche fließend Englisch. Das ist eine der wenigen positiven Begleitumstände des Ehrenamts - dass ich mein Schul-Englisch in fließend verwandelt habe. Spieler, die länger beim SV Neuhof bleiben, lernen relativ zeitnah Deutsch.

O|N: Wird also das Thema Sprache auch intern diskutiert beim SV Neuhof?

Bär: Das Thema Sprache war auch 'mal Thema bei einer Büttenrede. Da hat Markus Hackenberg mal gesagt: "Du musst doch sieben Sprachen sprechen. Nur Kisuaheli war noch nicht dabei." Man ist in aller Munde.

O|N: Welche deutschen Spieler habt ihr noch im Kader?

Bär: Nachdem Benjamin Gärtner nach Pipinsried in die Oberliga Bayern gewechselt ist, haben wir noch die beiden Jugendspieler, die wir integrieren wollen: Elias Vetter und Julian Happ, den ich schon als 17-Jährigen eingesetzt habe. In Neuhof gibt es sehr wenig Nachwuchs. Wir sind auf fremde Spieler angewiesen.

O|N: Bist du eigentlich eher Fußball-Trainer oder eher Sozialarbeiter?

Bär (überlegt kurz): In Kombination mit dem SV Neuhof bin ich eher Sozialarbeiter. Du begleitest die Spieler bei der Anmeldung bei den Behörden. Oder ist es etwa meine Aufgabe, Kinder der Spieler einzuschulen? Ist es nicht. Ich integriere Menschen in der Gesellschaft. Dass sie einen Beruf haben. Bei Steuerfragen und Mieten. Sie geben unserem Staat dann etwas zurück. Alle verurteilen den SV Neuhof und das, was er tut. Nur alle - besonders die Vereine - partizipieren davon. 

O|N: Du hast im Laufe der Jahre ein Riesen-Netzwerk aufgebaut. Wie funktioniert das?

Bär: Das ist mein Betriebsgeheimnis. So, wenn ich den Bäcker nach den Zutaten seines Brots frage, das gibt er auch nicht preis. In 20 Jahren habe ich sehr viele Menschen getroffen. Ich habe Verbindungen bis in die Bundesliga, zu Eintracht Frankurt zum Beispiel. Das ist das, was einem der Fußball zurückgibt.

O|N: Ist es falsch, wenn ich frage, dass euer Fußball oft nicht die nötige Wertschätzung erhält?

Bär: Das ist absolut richtig. Und auf den Punkt gebracht. Ich glaube, die Begründung liegt darin, dass der Ort Neuhof gar nicht interessiert ist an Fußball. Ich würde mir natürlich wünschen, die Früchte meiner Arbeit einem größeren Publikum zu zeigen.

O|N: Blicken wir in die Zukunft. Wie fällt dein Ausblick aus, auch persönlich?

Bär: Ich will schon im teil-professionellen Fußball arbeiten - also alles, was unterhalb der Bundesliga liegt. Am liebsten würde ich das in Neuhof tun. Aber ob und wie das möglich ist, bleibt abzuwarten. Der Kunstrasen soll ja im nächsten Jahr in Neuhof gebaut werden. Dann wäre das auch in Neuhof möglich. Einmal mit und in Nachwuchs-Leistungszentren zu arbeiten, das schwebt mir vor. Eine Möglichkeit für junge Fußballer schaffen, dort zu trainieren und gefördert zu werden. Die könnten höherklassig spielen. Das würde ich gerne machen. Wie gesagt, am liebsten in Neuhof. 

Vielen Dank für das Gespräch. (wk)

Zur Person

ALEXANDER BÄR ist 52 Jahre alt, Polizeioberkommissar und hat zwei mittlerweile erwachsene Kinder - Janik und die ehemalige O|N-Mitarbeiterin Julissa. Beim SV Neuhof fing der in der F-Jugend an zu kicken. Als 22-Jähriger sollte er zum SV Flieden wechseln - als Thomas Reith von Borussia Fulda nach Flieden ging. Das dauerte noch ein bisschen. Fünf Jahre später war es dann so weit: Bär spielte unter dem Trainer Stephan Walter - und der SV Flieden stieg in die Oberliga auf. Später war er zwei Jahre Spielertrainer in Löschenrod - und führte das Team 2003 in die Kreisoberliga, ehe er zum SV Neuhof zurückkehrte. +++

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