Annette Piechutta - Fotos: Marius Auth

PETERSBERG Profis bei der Arbeit (135)

Vom Leben zur Story: Ghostwriterin Annette Piechutta findet die richtigen Worte

Die Arbeitswelt bei uns in Osthessen ist bunt und vielfältig. Ob stinknormaler Job oder ein ganz ausgefallener Beruf - die Redaktion von OSTHESSEN|NEWS hat sich in der Region umgeschaut und viele interessante Menschen getroffen, die von ihrem ganz persönlichen Arbeitsplatz erzählt haben. Lassen Sie sich überraschen. +++

06.09.18 - Die erste Freundin, Urlaube am Meer, Familienschicksal und errungene Siege: Ein Menschenleben ist voller Erinnerungen, die zur Erfolgsgeschichte werden können, wenn ein Profi genauer hinschaut. Ghostwriterin Annette Piechutta aus Petersberg setzt nicht nur Stars und Sternchen in Szene, sondern gibt auch Menschen eine Stimme, die sonst im Hintergrund stehen.

Im Café Thiele sitzt Piechutta mit Diktiergerät und ist ganz Ohr: Eine alte Dame erzählt von Krieg und Vertreibung, nach dreißig Minuten ist der grobe Lebenslauf im Kasten. Beim ersten Treffen weiß der Kunde schon, was auf ihn zukommt, auch der Preis für die schriftstellerische Leistung ist klar: "Aber das persönliche Gespräch ist sehr wichtig, man muss sich in die Augen schauen, die Leute müssen mir vertrauen und bereit sein, den Weg mit mir zu gehen", erklärt Piechutta. Denn die Ghostwriterin durchleuchtet die Lebensgeschichte und stößt auch auf Widersprüche: "Ich erkenne den eigentlichen Menschen im Gespräch recht schnell. Manche erzählen nur eine Geschichte, da muss man genau zuhören und erst die Persönlichkeit herausarbeiten, die da eigentlich ins Rampenlicht will: Es ist ein Unterschied, ob ein erfolgsverwöhnter Unternehmer 100 Jahre Firmengeschichte aufrollt oder ob eine fünffache Mutter, die sich immer zurückgenommen hat, zum ersten Mal über sich in Großbuchstaben erzählt."

Statt zur reinen Autobiografie rät Piechutta häufig zum biografischen Roman mit fiktionalen Bestandteilen, ob Privatmann oder Promi: "Nach einem langen Leben kann man nicht mehr alles genau wissen – aber eine Persönlichkeit braucht Freiraum, um sich zu inszenieren. Geschichten helfen dabei, schwierige Lebensphasen zu verknüpfen und miteinander zu versöhnen. Viele Biografien sind voller Narben und Brüche, da braucht es es Empathie, um den Erzähler aufzufangen und zu leiten. Auch wenn geweint wird, am Ende sind alle erleichtert, sich ihre Geschichte von der Seele geschrieben zu haben."

55 Bücher hat Piechutta so in 16 Jahren geschrieben, meist bleibt die Petersbergerin bei Veröffentlichung komplett im Hintergrund. Neben Lebensgeschichten reihen sich Ratgeber-Bücher im Regal: "Mein wundervolles Spastik-Buch", "Wege aus der Trauer", "Mein Sieg über die Tablettensucht", "Ich bin verrückt, aber keine Verrückte": "Für dieses Buch ist eine manisch-depressive Frau aus dem Landkreis Fulda auf mich zugekommen, die anderen einen Einblick in ihre Lebenswelt geben wollte. Menschen, die schwere Krankheiten und psychische Probleme haben, können anderen mit ihren Erfahrungsberichten helfen, brauchen aber jemanden, der ihnen hilft, Struktur in das viele Leben zu bringen."

Neben einem Arbeitspapier, in dem die grobe Vorstellung vom Buch skizziert wird, sind ein Entwurf sowie eine große und eine kleine Überarbeitung des Manuskripts im Ghostwriter-Paket enthalten. Für eine Autobiografie braucht Piechutta sechs Monate, immer zwei Projekte werden gleichzeitig abgearbeitet. Wenn das Buch fertig ist, geht die Arbeit weiter: "Vor 25 Jahren wollte plötzlich jeder Promi seine Lebensgeschichte aufgeschrieben haben – das hat auch den Normalbürger beeindruckt. Viele private Biografien schaffen es nur, im Selbstverlag veröffentlicht zu werden. Ich arbeite aber mit Verlagen und Agenten zusammen, die auf der Suche nach ungewöhnlichen Geschichten sind und kann so meinen Kunden helfen, ein größeres Publikum zu finden."

Als Texterin bei einer PR-Agentur und Redenschreiberin hat Piechutta Erfahrungen gesammelt, vor 16 Jahren macht sich die heute 66-Jährige selbstständig: "Ich war schon immer wahnsinnig interessiert an den Geschichten anderer Leute. Aber von den Geschichten anderer leben, das ist schwer. Ich habe mehrere Jahre mit einer Mentorin an meinem Schreibstil gefeilt, mich mit Schriftstellern umgeben und auch angefangen, anders zu lesen: Man sieht eher die Struktur der Geschichten, holt sich Anregungen von den Klassikern – und hört natürlich viel zu. Als ich dann bereit war für meine Selbstständigkeit, bin ich von München zurück in meine Heimat Petersberg gekommen. Am Anfang kamen die Kunden durch Zeitungsanzeigen, jetzt läuft alles übers Internet und Mundpropaganda."

Vier Bücher schreibt die Ghostwriterin im Jahr, Leitz-Ordner und Manuskripte stapeln sich im Arbeitszimmer. Trotzdem geht es auch für den Profi nicht ohne emotionale Bindung zum Werk: "Es sind meine Babys. Es gibt natürlich eine Vorstellung davon, was der Person und der Geschichte guttut. Deswegen muss ich auf charmante Art und Weise autoritär sein, um die eine oder andere Anekdote zu verhindern. Am Ende muss der Kunde trotz aller Fehler und Schwächen sagen können: 'Ja, das bin ich.'" (Marius Auth) +++

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